Das türkische Schattenspiel

von Erna Subklew

Hacivat und Karagöz sind die wichtigsten Personen des türkischen Schattenspiels. Daher hat das Spiel seinen Namen auch von diesen beiden Figuren erhalten: Karagöz - oder Karagöz und Hacivat-Spiel. Seinen Ursprung soll es in China haben. Heute bemüht man sich sehr, das Spiel am Leben zu erhalten.

Der Weg des Schattenspiels

Es gibt mehrere Versionen darüber, wie das Schattenspiel in die Türkei kam. Die einen sagen, dass die Türken bei ihren Wanderungen aus Asien das Spiel, das bei Chinesen und Mongolen zum Kulturgut gehörte, mit in ihre neue Heimat nahmen. Eine andere Information sagt, dass das Schattenspiel auch in Ägypten heimisch war und 1517 Sultan Yavuz Selim es dort kennen lernte. Er veranlasste die Schattenspieler nach Istanbul zu kommen und es bekannt zu machen.
Eine dritte Version ist, dass Sinti und Romas, die zu dieser Zeit in die Türkei einwanderten, es in Indonesien kennen gelernt haben und es von dort mitbrachten. Eine weitere Erklärung sagt, dass es sich bei diesen beiden Figuren um tatsächlich lebende Menschen gehandelt hat. Sie sollen zurzeit Sultan Osmans gelebt und beim Bau der Ulu Moschee in Bursa geholfen haben. Anstatt aber zu arbeiten, erfanden sie ständig kleine Szenen, die sie aufführten und hielten so die Arbeiter vom Schaffen ab. Daraufhin entließ sie der Sultan, bereute aber bald sein Tun und wies ihnen einen Platz zu, wo sie ihre Spiele aufführen durften.

Bühne und Requisiten

Hinter der Bühne
Hinter der Bühne

Ab dem 16. Jahrhundert war das Karagöz-Spiel in der ganzen Türkei bekannt und gehörte im 18.Jahrhundert zu den beliebtesten Theaterspielen.
Das Schattenspiel kommt dem islamischen Verständnis sehr entgegen, sind doch die Figuren, die das Spiel tragen keine dreidimensionalen Puppen, sondern aus Kamel-, Büffel- oder Rindsleder gefertigte platte Objekte.
Das Leder wird so lange behandelt, bis es durchscheinend wird. Daraus werden dann ungefähr 50 Zentimeter große Figuren geschnitten. Die Körper der Figuren werden mit natürlichen Farben eingefärbt, die Verzierungen der Kleider durch Ausschnitte eingefügt.
Die Figuren werden an Stöcken gespielt. Überall dort, wo etwas bewegt werden soll, gibt es ein Loch, durch das der Stock geführt wird.
Die Bühne besteht aus einem ungefähr zweimal zwei Meter großem dunklem Tuch, in dessen Mitte ein Rechteck eingefügt ist, das aus einem durchscheinenden weißen Stück Stoff besteht. Um die Schatten zu erzeugen, gab es früher eine Öllampe, die viele Arme hatte, damit die Bühne nach Möglichkeit  gleichmäßig ausgeleuchtet wurde. Heute sind es elektrische Leuchten.

Die Aufführung

Hinter dem Vorhang steht ein Tisch, auf dem die Figuren und Requisiten, wie Häuser, Bäume und andere, für die Aufführung benötigte, Gegenstände liegen. Je nachdem wo das eigentliche Stück spielt, gibt es außer der normalen Karagözfigur, auch weitere Darstellungen von Karagöz: im Kahn, auf dem Esel und andere. Die unterschiedlichen Darstellungen weisen auf den Ort des Geschehens hin und tragen zur Bestimmung des Spielortes bei.
Das Schattenspiel wird von nur einer Person gespielt, das bedeutet, dass diese sämtliche Figuren an ihren Stöcken führen und auch sämtliche Dialekte und Tonlagen der außerordentlich vielen Darstellertypen beherrschen muss.
Die Aufführungen werden jeweils durch Musik eingeführt, die durch eine Schellentrommel und eine Flöte erzeugt wird.
Die gespielten Stücke sind  in der Regel aus dem Alltag genommen und haben sehr oft politische und soziale Ereignisse zum Thema. So hat die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Stück „Karagöz in Alamania“ (auf Deutsch) geschrieben, das sich mit der Gastarbeiterpoblematik befasst.

Die Figuren

Zenne
Zenne

Da es nicht so viele Frauenrollen gibt, die weiblichen Figuren nennt man zenne, sollen sie zuerst genannt werden: Da gibt es die Tscherkessin, die Zigeunerin, die Araberin und je nach dem Stück auch noch eine Nigar, Salkim Inci und andere. Es gibt auch die Frau vom Karagöz, wenn auch nur als Stimme aus dem Hintergrund, nicht als Figur.

Karagöz und Hacivat
Karagöz und Hacivat

Wie gesagt, die Hauptfigur ist Karagöz (Schwarzauge), der den Mann von der Straße verkörpert, nicht gebildet, aber schlagfertig und gerissen. Er kommt immer von links auf die Bühne. Je nach dem gespielten Stück werden mehrere Karagöz-Figuren verwendet: Kargöz im Kahn, auf dem Esel, mit dem Besen und noch andere.
Sein Gegenspieler ist der Hacivat, Der Name Hacivat soll aus den beiden Wörtern Haci Ivaz entstanden sein, das heißt, er ist Pilger und war in Mekka. Hacivat ist gebildet, bedient sich der osmanischen Sprache mit ihren vielen  arabischen und persischen Wörtern und belehrt Karagöz ständig, was diesen zu Wort- und Inhaltsverdrehungen veranlasst.

Weitere Figuren

So wie das Osmanische Reich die Heimat vieler Völker war, so viele Typen gibt es  als Figuren beim Schattentheater. So sind Figuren, die auf Istanbul, die damalige  Hauptstadt hinweisen, der geschniegelte, nach neuester Mode angezogene Taryaki, der dümmliche Zwerg Beberuhi und Çelebi.
Aus Anatolien kommen folgende Typen: Der Lase, der Kurde, der aus Kayseri stammende oder vom Marmarameer kommende und noch viele andere.
Unter den nicht islamischen Figuren gibt es den Franken, den Armenier, den Griechen, den Juden und von den Anrainerstaaten den Araber, Albaner, Perser und Tscherkessen.
Natürlich treten auch Behinderte auf wie Stotterer und Bucklige, man war damals nicht sehr sensibel. Es gibt auch die zur damaligen Zeit üblichen Volksbelustiger, wie den Zauberer, Sänger und Seiltänzer. Ebenso durften die Außerirdischen und Ungeheuer nicht fehlen. (Auch beim Kasperle gibt es schließlich ein Krokodil.) Man kann schon sagen, dass der Schattenspieler sein Metier verstehen muss, um seine Figuren gut einsetzen zu können.

Der Aufbau des Stückes

Hacivat kommt nach einem kurzen Musikstück auf die Bühne und beginnt seinen Monolog. Nach einiger Zeit erscheint auch Karagöz und verwickelt Hacivat in einen Dialog,  in dem er einen von diesem gerade vorgetragenen Gedanken oder Ausspruch aufnimmt und zu fragen anfängt. Durch dieses Streitgespräch werden die Besonderheiten der beiden Figuren ins Gedächtnis gerufen. Erst nach diesem Dialog wird das eigentliche Spiel aufgeführt. Der Dialog muss nichts mit dem Inhalt des eigentlichen Spiels zu tun haben. Es wird mit einem Epilog abgeschlossen.
Die Inhalte der Stücke wurden zunächst nur mündlich weitergegeben, wer konnte im 16. Jahrhundert schon schreiben und lesen. Erst sehr viel später fing man an, die Stücke aufzuschreiben.

Das Schattenspiel im Laufe der Zeit

Die große Zeit des Schattenspiels ist vorbei. Sie lag im 18. und 19.Jahrhundert, als das Spiel sowohl am Hofe des Sultans als auch beim einfachen Volk beliebt war. Vorwiegend wurden Schattenspiele in der Zeit des Ramadan, wenn man sich abends zum Fastenbrechen traf, als auch bei den Beschneidungen, vor allem, wenn es sich um mehrere Jungen handelte, die gemeinsam beschnitten wurden, aufgeführt.
Als durch die vielen anderen Vergnügungsmöglichkeiten die Schattenspiel-Aufführungen immer weniger wurden, und man sah, dass ein Kulturgut verschwinden würde und unternahm man Hilfsmaßnahmen.
Heute sind die Schattenspieler Mitglieder bei der Unima, dem internationalen Puppenspielerverband und auf den jährlichen Treffen der Puppenspieler vertreten.

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