Aus der Welt des Balletts

von Anne Pöttgen

Spitzentanz, Pas des deux, die schnellsten Drehungen, die höchsten Sprünge, ist es das was wir vom Ballett erwarten? Nicht mehr oder immer noch?

Die Ballets Russes

Mackes Russisches Ballett
Mackes Russisches Ballett

Die vielleicht bekannteste Ballett-Kompanie ist die des Russen Sergei Djaghilew. Djaghilew war ein vielseitig begabter Mann, der aber früh erkannte, dass es zum Künstlersein nicht reichte und so beschloss er, Kunst zu „ proklamieren“. Er brachte russische Kunst ins Ausland, vor allem nach Paris, wo sowohl Maler als auch Musiker von ihm „promotet“ wurden.
Von Paris aus stellte er auch die Ballets Russes zusammen, mit den bekanntesten Tänzern Russlands. Anna Pawlowa und Vaslav Nijinsky lagen die Pariser und die ganze Welt zu Füßen. Die Liste der prominenten Namen, die der Truppe verbunden waren, ist lang: Igor Strawinsky und Claude Debussy, die Choreographen Balanchine und Fokine; die Maler Matisse, George Braque und Pablo Picasso.
Auch heute noch hören und sehen wir den „Feuervogel“, „Petruschka“ und „Le sacre de Printemps“. Sie wurden von den Ballets Russes uraufgeführt und machten Igor Strawinsky bekannt und berühmt.

19. Jahrhundert

Bild von„Dalbera aus Nice“, Lizenz by-sa
Bild von„Dalbera aus Nice“, Lizenz by-sa

Vorangegangen war die klassische Form des Balletts. Begonnen hatte sie in Frankreich: „La Sylphide“ und „ Giselle“ stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war auch die Zeit der großen Ballerinen. Marie Taglioni tanzte 1832 die Sylphide und feierte damit in den folgenden Jahren Triumphe in ganz Europa. Von Paris aus ging sie nach St. Petersburg zum Mariinski-Ballett.
Damit sind wir bei einer berühmten Ballett-Kompanie, die bis heute besteht, seit 1935 unter dem Namen Kirow-Ballett bekannt. Diesen Namen führt die Truppe auch heute noch bei Gastspielen, obwohl sie 1991 offiziell zu dem traditionsreichen Namen Mariinski-Ballett zurückgekehrt ist. Hier wurden am Ende des neunzehnten Jahrhunderts „Dornröschen“ „Der Nussknacker“ und „Schwanensee“ von Petipa zur Musik von Tschaikowski choreographiert.

Das Gesamtkunstwerk Ballett

Auf der Bühne vereinigen sich mehrere Künste zu einem gemeinsamen Kunstwerk. Das Schauspiel lebt durch die Schauspielkunst der Darsteller, die Oper durch die Sänger. Ein wenig anders ist es beim Ballett. Ein Ballett kann zu jeder beliebigen Musik gestaltet werden, nicht nur zur speziell für diese Kunstart komponierten Musik. Miteinander gemein haben diese Bühnenkünste, dass eine dritte Komponente, ein einzelner Mensch hinzukommen muss, um das Werk zur Vollendung zu bringen. Der Regisseur, der Kapellmeister oder der Choreograph.
Das Schauspiel  und die Oper liegen fertig vor, die Ausführenden kommen dazu. Beim Ballett ist erst einmal nur der Choreograph da, der zu seiner Idee Musik und Tänzer zusammen bringt. Es sei denn, es existiert eine Ballettmusik und es werden ein Choreograph und seine Compagnie gesucht. Die Verbindung zwischen einem Choreographen und seinen Tänzern ist enger und längerfristiger als in den Fällen Schauspiel und Oper.

Bekannte Compagnien

Als unbekannter und unbeliebter Choreograph hat John Neumeier 1973 an der Hamburgischen Staatsoper seine Arbeit begonnen. Unbeliebt, weil er als erstes 16 Tänzer entlassen hatte. Sein Hamburg Ballett  ist heute eine der bekanntesten Compagnien in Deutschland. Beliebt wurden sie auch mit den Ballett-Werkstätten, die mehrfach im Jahr als Matineen stattfinden: Die Tänzer trainieren wie jeden Tag und Neumeier spricht über seine Arbeit und seine Pläne.
John Neumeier hat wie jeder Choreograph als Tänzer begonnen. Er war einige Zeit Mitglied des Stuttgarter Balletts an der Staatsoper zu Zeiten John Crankos, der dort seit 1961 Ballettdirektor war. Nach seinem Tod im Jahre 1973 übernahm die Primaballerina Crankos Marcia Haydée die Leitung der Truppe und führte sie zu weiteren Erfolgen. Crankos Choreographien begründeten das „Deutsche Ballettwunder“.
Nicht jede Compagnie ist Teil eines großen Opernhauses. Sasha Waltz führt seit 1993 die Compagnie Sasha Waltz & Guests und hat ihre Aufführungen in den Sophiensälen in Berlin. Sie gilt als Erneuerin des Tanztheaters, Nachfolgerin von Pina Bausch sozusagen.

Tanztheater

Kirchner.Tanzender Frauenakt,
Kirchner.Tanzender Frauenakt,

Was unterscheidet eigentlich das Tanztheater vom klassischen Ballett? Die Mischung aus Tanz und Theater. Pina Bausch entwickelte diese Kunstform seit den siebziger Jahren in Wuppertal. Ihr Ensemble von Tänzern trägt den Namen Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Es wurde und wird weltweit gefeiert.
Es führen ganz dünne Traditionslinien vom Ausdruckstanz der Mary Wigman über Kurt Joos hin neuen Tanzformen. Kurt Joos begründete 1928 das Folkwang Tanzstudio, das als Wegbereiter des Tanztheaters gilt. Sein bekanntestes Werk ist „Der grüne Tisch“, eine tänzerische Darstellung des Gerangels, das an grünen Tischen um das Schicksal der Welt stattfindet. Nach langen Jahren der Emigration kehrte er 1949 nach Essen an die Folkwangschule zurück. Aber die Zeit war noch nicht reif für die breite Anerkennung des Tanztheaters, zunächst besetzte wieder das Klassische Ballett die Bühne.
Der Niederländer van Manen mit dem Nederlands  Dans Theater oder Bühnen in der früheren DDR fühlten sich weiterhin dem Ausdruckstanz und dem Modern Dance verpflichtet. Und das führte letzten Endes auch zu einer neuen Form des Balletts.

Glanzvolle Vergangenheit

Ludwig der XIV. 1653
Ludwig der XIV. 1653

Zwei enge Freunde stehen am Beginn der Ballett-Geschichte: ein König und ein Musiker. Beide liebten die Musik und beide lernten tanzen: Ludwig XIV und Lully, Komponist und Tänzer.
Ludwig war das Regieren verwehrt, das besorgten seine Mutter und Kardinal Mazarin und so hatte er Zeit für die schönen Künste. Er trat zusammen mit Lully als Tänzer auf und sicherte seinem Freund eine Stellung und eine Karriere am Hof. Ein glanzvoller Auftritt des Königs war die Rolle als aufgehende Sonne im „ballet royale de la nuit“ 1653. Weitere Aufritte folgten. Sofort nach der Übernahme der Herrschaft, 1661, gründete er die Académie Royale de Danse.
Tanz-Aufführungen gab es auch vorher schon. In erster Linie an Fürstenhöfen, vor allem in Italien, später auch in Frankreich. Sie fanden nicht auf einer Bühne sondern im Ballsaal statt und die Tänzer waren die Hofleute selbst. In Frankreich nannte man diese Veranstaltungen „ballets du cour“, in Italien „balli“; eingeübt und dirigiert wurden sie von Tanzmeistern.

Ballett ….

Das ist die vollkommene Leichtigkeit, das sind die hohen Sprünge und die zauberhaften Attitüden der Tänzerinnen. Das sind die Einsamkeit und die Gemeinsamkeit, die Liebe und der Hass, dargestellt durch einen einzelnen Tänzer oder durch das corps de ballets. Das ist der umjubelte Auftritt und das Alleinsein in einer Einzimmerwohnung in den Stunden danach.
Das sind die täglichen Übungen, Knochenarbeit, die die ständige Betreuung durch den Physiotherapeuten erfordert. Der Gedanke: bleibst du im corps de ballet, eine unter vielen oder wirst du morgen Solotänzerin sein? Was ist in der nächsten Spielzeit? Was wird, wenn du nicht mehr tanzen kannst?
Das ist aber auch der Zusammenhalt mit Tänzern aus aller Welt, der gemeinsame Stolz, wenn die Aufführungen in allen Zeitungen gefeiert werden. Die Gastauftritte in fernen Ländern.
Das ist auch die Begeisterung der Zuschauer am festlichen Abend im Opernhaus. Und der Besuch von Orchester- oder Ballettproben, die erleben lassen, wie aus einer Idee ein Kunstwerk entsteht.
Das Wort Ballett kommt übrigens von „balli“, Tanz, seinem Diminutiv „balletto“.

Kommentare

Kommentar von Maja |

Ein interessanter und sehr gut recherchierter Artikel, auch durch seine Videoergänzungen.

Maja

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