Villen an der Brenta

von Anne Pöttgen

Bei den Villen an der Brenta vereinten sich die Baukunst und die Kunst zu leben zu einem einzigen großen Fest.

Wie entstand das Paradies?

Während des Mittelalters war es den Bürgern der Republik Venedig verboten, Grund und Boden auf dem Gebiet westlich der Lagune zu erwerben. Doch 1345 hob der Große Rat das Verbot auf und es entstanden zunächst Landgüter, die die Stadt mit Lebensmitteln versorgten.
Nicht nur das, Venedig selbst begann, seinen Herrschaftsbereich auszudehnen, durch Kauf oder Kanonen. Hundert Jahre später empfing der Doge Marco Dandolo die Terra Ferma, das venezianische Festland, als Reichslehen vom römisch-deutschen Kaiser Sigismund.
Die Brenta und ihre Nebenarme wurden kanalisiert, sie dienten dem Transport von landwirtschaftlichen Gütern nach Venedig und von Waren aus Venedig ins Hinterland. Aber bald schon begannen Venezianer auf ihrem Landbesitz neben einfachen Bauerngehöften auch repräsentative Häuser zu bauen, auf dem gesamten Gebiet der Terra Ferma, am prächtigsten am Ufer der Brenta. Die Venezianer konnten sozusagen von Haustür zu Haustür mit ihrem Burchiello von ihrem Stadtpalast zu ihrer Sommervilla fahren. Im achtzehnten Jahrhundert säumten über hundertfünfzig Landpaläste die Ufer der Brenta.

Die Malcontenta

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Was für ein negativer Name für einen der schönsten Prachtbauten am Brentakanal: „Die Unzufriedene“. Der Legende nach sollte die Unzufriedenheit einer Foscari, die als Strafe für ihr – wohl besonders – ausschweifendes Leben auch im Winter in diesem Palast wohnen musste, zu diesem Namen geführt haben. Die Venezianer bewohnten ihre Villen mit den weitläufigen Parkanlagen nur im Sommer und im Herbst. Nur zu dieser Zeit fand gesellschaftliches Leben statt.
Um 1560 wurde der Architekt Palladio, der 1550 nach Venedig gekommen war, von der Familie Foscari mit dem Bau dieses Foscaripalastes beauftragt. Ihre Hauptfassade hin zur Brenta ist der Architektur der Griechen entlehnt: eine Säulenvorhalle mit einem Frontgiebel.
Empfänge, Feste und Vergnügungen, zu denen auch Casinobesuche zählten, fanden Tag für Tag und Nacht für Nacht an den Ufern der Brenta statt. Alles fand ein Ende mit dem Untergang der Republik Venedig 1797. Und das war auch der Untergang der Villa Foscari. Sie wurde wie alle anderen Häuser auch enteignet, geplündert und zerstört.
Heute ist sie wieder in Privatbesitz und restauriert.

Palladio

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Palladio war nach Venedig gerufen worden, um den Kreuzgang von Santa Maria del Carità auszuführen. Eines seiner Meisterwerke sind Kirche und Kloster S. Giorgio Maggiore, als prunkvoller Gegenpol zu den Gebäuden des Markusplatzes. Auch hier die Säulenreihe und – allerdings zwei – Frontgiebel.
Palladio wird 1508 als Sohn eines Müllers in Padua, einer Stadt unter dem Regiment Venedigs, geboren, sein Name ist Andrea di Pietro. 1522 kommt er in eine Steinmetzlehre, 1524 wird er Mitglied der Zunft der Maurer und Steinmetze in Vicenza. Zehn Jahre lang arbeitet er in einer berühmten Steinmetzwerkstatt und erarbeitet sich Kenntnisse über Materialien und den Stand der Architektur in Italien.. 1538 begegnet er einem Adeligen, der sein Mäzen wird und ihn in die Welt derer einführt, die Aufträge zu vergeben haben. Reisen nach Rom machen ihn mit der Architektur der Antike vertraut. Bekannt wird er unter dem Namen Palladio, nach Pallas Athene, der Schutzherrin der Künste. Die bekannteste der Villen von Palladio steht an der Brenta, aber auch im Hinterland hat er gebaut.

Terra Ferma

Venedig um 1650
Venedig um 1650

Terra Ferma ist die Bezeichnung eines Gebietes im östlichen Oberitalien, das Venedig im 15. Jahrhundert unter seine Herrschaft gebracht hatte. Seit 1437 besaß Venedig dieses Gebiet als Reichslehen des deutschen Kaisers. Dazu gehörten auch größere Städte wie Padua und Vicenza.  
Aber Deutschland, Maximilian I, und Frankreich, Ludwig XII, hatten Gebietsansprüche aus früheren Jahrhunderten. In wechselnden Bündnissen kämpften Deutschland, Frankreich, später auch Spanien für ihre Herrschaftsinteressen in Italien und am Ende mit der Liga von Cambrai alle gegen Venedig. Erst mit dem Frieden von Noyen 1516 wurde Klarheit geschaffen und Venedig uneingeschränkte Herrin der Terra Ferma.
Zu dieser Zeit begann allerdings auch schon der wirtschaftliche Niedergang Venedigs, das Monopol des Gewürzhandels mit dem fernen Osten, sämtliche Kolonien im Mittelmeer gingen verloren.
In allen Büchern über Venedig ist von dem jahrhundertelangen Niedergang Venedigs die Rede, aber seine Architekten und Maler haben in dieser Zeit die prächtigsten Häuser und Kirchen geschaffen.

Die Villa Pisani

Foto von Marcoc, by-sa
Foto von Marcoc, by-sa

Die Villa Pisani nicht weit von Padua ist die größte und schönste der Villen an der Riviera del Brenta. Ein Dogenpalast auf dem Festland, erbaut in den Jahren 1720 bis 1740. Begonnen wurde der Bau von Girolamo Frigimelica, einem Grafen, der nicht nur als Architekt sondern auch als Dichter und Librettist erfolgreich war.
Die 114 Zimmer der Villa sind von den berühmtesten Malern der Zeit ausgeschmückt worden, mit Fresken oder Tafelbildern. Den großen Ballsaal beherrscht ein Deckengemälde von Tiepolo: „Ruhm des Hauses Pisani“.
Der Park ist 11 Hektar groß und war zunächst natürlich im Stil des Barock gestaltet. Im 19. Jahrhundert, als er längst nicht mehr in venezianischem Besitz war, verwandelte er sich in einen Landschaftsgarten. Zahllose Teiche, Springbrunnen, Pavillons und Alleen, sogar ein Irrgarten machen seinen Reiz aus.
Nach der Zerschlagung der Republik Venedig im Jahre 1797 wurde die Villa 1807 von Napoleon erworben: „zu groß für einen Grafen zu klein für einen König“, soll er gesagt haben. Nach ihm war „La Nazionale“, wie sie jetzt genannt wird, im Besitz der Habsburger, danach besaß sie das Haus Savoyen.

Das Ende der Herrlichkeit

Knapp 300 Jahre nach dem Frieden von Noyon lebte das Gerangel um die Terra Ferma zwischen Österreich und Frankreich wieder auf. Nun aber war Napoleon Herr des Handelns. 1797 löste sich die Adelsrepublik selbst auf, ihr Gebiet wurde von Frankreich besetzt und wechselte in den Jahren bis 1815 mehrfach den „Besitzer“. Ab 1815 gehörte das Gebiet der früheren Terra Ferma zum Königreich Lombardo-Venetien, regiert im Namen des Kaisers von Österreich von einem Vizekanzler.
Nach den Plünderungen und Brandschatzungen des Krieges lagen viele der herrlichen Villen menschenleer da. Aber unzählige Architekten haben für den Bau von Landpalästen fast bis in unsere Zeit die von Palladio eingeführte tempelartige Fassade übernommen.

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