Jugendstil in Lodz

von Roma Szczocarz

„Der Künstler wählt seine Stoffe aus; das ist seine Art zu loben“ so schrieb Friedrich Nietzsche.

Der Jugendstil als Stil und Epoche

Der Jugendstil ist eine kunstgeschichtliche Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Weitere Bezeichnungen sind „art nouveau“ oder “Modern Style“, „Modernisme“ oder auch „Wiener Secession“. Das Substantiv „Moderne“ wird erst im 19. Jahrhundert verwendet, zunächst in Frankreich als „Modernité“: Dann, auf die Kunst bezogen, auch in Deutschland mit der heutigen Bedeutung „neueste Zeit, moderner Zeitgeist, moderne Kunstrichtung“.

Merkmale der Jugendstil - Architektur

Wichtigstes Ziel dieser kunstgeschichtlichen Epoche war es, Leben und Kunst
miteinander zu verbinden. Als erstes wurden alltägliche Dinge im Jugendstil gestaltet, dann wurde das Kunsthandwerk beeinflusst und endlich hielt er Einzug in die Architektur.
Kennzeichnend für den Jugendstil in der Architektur sind vor allem die  Formen und verwendeten Materialien, wie Stahl, Eisen und Glas. Die Symbole der Industrialisierung wurden auch Lieblingsmaterialien der Architektur, die durch ihre Formbarkeit eine neue Gestaltungsfreiheit für den Jugendstil boten. Sowohl in der Jugendstil - Malerei als auch in der Architektur herrschten unkonventionelle geschwungene, dynamische Formen und Ornamente vor. Bis ins letzte Detail wurden die Entwürfe geplant. Die berühmtesten Beispiele für diese Kunst sind bis heute die französischen Metro - Stationen und die Jugendstil - Fassaden in Paris und München.

Jugendstil in Lodz

Die eindrucksvolle Geschichte von Lodz beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit entstand die erste Textilfabrik (1823) und das war der Anfang, dass aus der Stadt Lodz die klassische und moderne Industriestadt Lodz wurde. Sie wurde zum “Gelobten Land“ für Tausende von armen Leuten aus den Dörfern und kleinen Städten ringsum. Gleichzeitig erlebte die Stadt Lodz damals die stärkste industrielle Entwicklung.
Es war die Zeit des rapid wachsenden Kapitalismus und die Zeit, in der die soziale Struktur der Textilmetropole gestaltet wurde. Das damalige Lodzer Milieu war eine interessante Mischung aus Juden, Deutschen, Russen und Polen. Und das Bild der Stadt wurde durch diese vier Kulturen gestaltet und geprägt. Zu dieser Zeit veränderte sich das ganze Bild der Stadt: Ebenerdige Holzhäuser wurden zuerst durch eingeschossige Steinhäuser ersetzt, danach durch große Mietshäuser, die gewöhnlich dreistöckig waren mit zwei Geschäftsetagen im unteren Bereich, wie an der Piotrkowskastrasse.

Eklektizismus

Die Fassaden der Mietshäuser, Stadtvillen und der Paläste der damaligen städtischen Elite orientierten sich an den Formen des Jugendstils und des Neo - Barocks und waren die beliebtesten Stile der Lodzer Fabrikanten ebenso wie die Neo - Renaissance. Ein schöner kreativer, oft leider auch kitschiger Mischstil, der als Eklektizismus bezeichnet wird.
Sehr gut beschreibt diese Anekdote den Jugendstil in Lodz:
Der Palast von Israel Kalmanowicz Poznanski wurde nach dem Entwurf von Hilary Majewski in den Jahren 1888 - 1903 errichtet. Der Architekt wollte vom Bauherren wissen, in welchem Stil er den Palast errichten solle. Der Fabrikant Poznanski empörte sich und sagte: „Welcher Stil? Alle, ich bin so reich, dass ich mir alle Stile wünschen  kann“. Diese Anekdote beschreibt genau den Jugendstil in Lodz, es ist der Mischstil, der als Eklektizismus bezeichnet wird.
Die Mehrheit der Lodzer Paläste, Villen und prachtvollen Mietshäuser an der Piotrkowskastrasse sind alle im Jugendstil.

Jugendstil auch im Inneren

Bei der Innenarchitektur sind beispielsweise im Palast von Julius Kindermann die Jugendstilglasmalereien im Treppenhaus zu nennen. Der damalige Besitz der Firma Krusche und Erder hat Jugendstil Polychromie, im Palast von Leon Rappaport findet man  zahlreiche Ornamentik im Jugendstil. Eines der schönsten Jugendstilgebäude in Polen ist die Villa von Leopold Kindermann, die in den Jahren 1902 - 1903 nach dem Entwurf von Gustav Landau - Gutenteger errichtet wurde.
Bis heute bestehen in Lodz noch über 200 Fabrikanten - Paläste und Villen in diesem Stil. In der Mehrheit dienen sie als Sitz der wichtigsten Lodzer Ämter, Museen und Schulen. Sie bezaubern mit ihrer Pracht und Schönheit die Betrachter wie früher.
“In der Architektur muss sich ausdrücken, was eine Stadt zu sagen hat“ sagte der deutsche Politiker Walter Wallmann.

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