Historische Hochhausarchitektur

von Lore Wagener

Zum Besichtigungsprogramm von New-York-Touristen gehören auch einige historische Hochhäuser. Mindestens zeigt man ihnen Flatiron-, Woolworth-, Chrysler- und Empire-State-Building.

Die Chicagoer Schule

Die ältesten Wolkenkratzer der USA sind das aber nicht. Die findet man in Chicago. Dort wütete 1881 ein verheerender Stadtbrand, der einen umfangreichen Wiederaufbau nötig machte. Neben Wohnraum mussten auch viele neue Büros geschaffen werden. So experimentierten die Chicagoer Architekten mit den damals neuen Techniken, wie dem Stahlskelettbau oder dem Sicherheitsaufzug. Sie entwickelten ihren eigenen Hochhaus-Stil, die „Chicagoer Schule“. Bürohäuser planten sie wie griechische Säulen, also mit Basis, Schaft und Kapitell. Die Basis war ein Sockel mit hohen Ladenräumen und großen Schaufenstern. Darüber türmten sich die Büroetagen mit Fensterreihen in geometrischer Strenge. Den Abschluss bildete ein Attikageschoss mit Räumen für die Haustechnik.

Das Flatiron-Building

CC-Lizenz; Urheber samuel north
CC-Lizenz; Urheber samuel north

Der Architekt Daniel Burnham wurde als Chicagos leitender Stadtplaner bekannt. Er war ein Liebhaber der Beaux Arts, also der französischen Spielart des Historismus. Um 1900 erhielt er von der Fuller Company, einem großen Baukonzern in New York, den Auftrag, ein Hochhaus für ihren Hauptsitz zu errichten. Die Company stellte dafür ein ungewöhnliches Grundstück bereit, ein spitzwinkliges Areal an der Ecke Broadway / Fifth Avenue. Mit Hilfe moderner Stahlbautechnik zog Burnham dort ein dreieckiges 87 m hohes Bürohaus empor. Die Fassade verkleidete er mit Terrakotta und schmückte sie mit Ornamenten im Stil der Beaux Arts. 1903 entstand so ein schlankes, elegantes Gebäude, das mit seinem dreieckigen Grundriss Ähnlichkeit mit einem Bügeleisen hatte. Es ist noch heute ein beliebtes Fotoobjekt. Der höchste oder der älteste Skyscraper New Yorks war es aber nicht. Den Höhenrekord hielt 1903 das Park Row Building mit einer Höhe von 119 Metern.

Woolworth-Building

Im Jahre 1913 wurde das Woolworth Building mit einer Höhe von 241 Metern der Rekordhalter. Damit setzte sich der Kaufhauskönig Frank W. Woolworth sein Denkmal. Er war einst mit seiner Geschäftsidee der 5- und 10-Cent- Läden reich geworden. Zuletzt hatte er etwa 1000 Billigläden in aller Welt und etwa 65 Millionen US-Dollar auf dem Konto. Sein Bau durfte also „etwas kosten“.
Der Architekt Cass Gilbert baute im neugotischen Stil und orientierte sich nach eigenem Bekunden an gotischen Rathäusern, die er während seiner Europareise sah. Er konzipierte einen Unterbau mit 29 und einen Turm mit 28 Etagen. Die Fassade aus Granit, Kalkstein und Glas wurde reich mit neugotischen Elementen geschmückt, mit Ecktürmchen, Wasserspeiern oder schwebenden Pfeilern. Der Turm bekam eine kunstvolle gotische Spitze. Die Eingangshalle, drei Stockwerke hoch und in Form eines lateinischen Kreuzes angelegt, wurde mit zeitgenössischen Kunstwerken prächtig ausgestattet. Besuchern vermittelt sie noch heute den Eindruck einer „Kathedrale des Handels“.

Hochkonjunktur und Börsenkrach

Nach dem ersten Weltkrieg erlebten die USA einen Boom. In den 1920er Jahren stieg dort das Bruttosozialprodukt um 50 v. H. an, und es setzte eine Bauorgie ein. Um 1929 gab es allein in New York 188 Hochhäuser -  und weitere waren in der Planung. Man baute inzwischen aufgelockerter, denn die dunklen Straßenschluchten, die sich in den Anfangsjahren bildeten, waren nicht attraktiv. 1916 beschloss man eine neue Bauordnung, nach der nur noch 25 v.H. eines Grundstücks in unbegrenzter Höhe bebaut werden durften. Für die übrigen Flächen wurden stufenweise niedrigere Bebauungen vorgeschrieben. So entstand in den zwanziger Jahren eine neue Optik mit typischen „Abtreppungen“ und sich verjüngenden Türmen.
Der Börsencrash im Jahre 1929 stoppte das Bauen zunächst nicht. Der allgemeine Niedergang begünstigte sogar die Bauherren, weil die Arbeitslöhne so stark sanken, dass die Investoren für ihr Geld mehr Arbeiter einstellen konnten, als zuvor veranschlagt. Das verringerte die Bauzeiten und damit die Baukosten.

Das Chrysler-Building

Illustration

Das 1928 begonnene Chrysler-Building war eines der Bauwerke, die 1929 von der Crash-Entwicklung profitierten. Es wurde in nur 20 Monaten fertig. Auftraggeber  war Walter P. Chrysler, einer der berühmten amerikanischen Automobilpioniere. Er war ebenfalls ein reicher Selfmademan und konnte das Projekt aus eigener Tasche bezahlen. Architekt des Gebäudes war William van Alen.
Van Alen erwies sich als moderner, ideenreicher Gestalter. Er baute im Stil des Art Déco einen der schönsten Wolkenkratzer von New York. Van Alen  schmückte seinen Bau mit Wasserspeiern aus rostfreiem Stahl, die Radkappen, Kotflügel und Kühlerfiguren von Autos nachbildeten. Chrysler-Radkappen benutzte er auch als Zierrat für die Fassaden. Die  Kuppel aus rostfreiem Stahl, die markanten Schiebefenster und die interessante Beleuchtung machen das Building noch heute zum Hingucker. Im Innern beeindrucken die imposante Lobby und die Aufzüge im eleganten Stil des Art Déco.

Das Trump-Building

Etwa zur gleichen Zeit konkurrierte das heutige Trump Building  mit dem Chrysler-Bau. Es wurde sogar in kürzerer Zeit fertig. Bauherr war die Bank of Manhattan, Planer der ehemalige Partner von van Alen, der Architekt  H. Severance. Sein Bau im Stil des Art Déco war schlichter und weniger einfallsreich. Auffällig war nur der hohe kupferne Dachhelm im Stil der Neugotik. Mit 283 Metern war der fertige Bau für kurze Zeit das höchste Gebäude der Welt. Nach wenigen Wochen wurde auch das Chrysler Building, das bis zum Dach 282 Meter maß, fertig. Dessen Architekt hatte aber die geplante Höhe nur bis zum Dach bekannt gegeben und geheim gehalten, dass noch eine Spitze dazu kam. Versteckt im Inneren des Gebäudes ließ er heimlich eine 56 Meter hohe Stahlspitze bauen und diese  - als alles fertig war – überraschend nach oben schieben und auf dem Turm montieren. Damit wurde das Chrysler Building mit 319 Metern Höhe zum Rekordhalter.

Das Empire State Building

Lizenz CC, Urheber Jiuguang Wang
Lizenz CC, Urheber Jiuguang Wang

Nach dem Börsencrash war das Empire State Building das nächste große Projekt in New York. Bauherr war John J. Rasbok, der Gründer von General Motors, also auch ein bekannter Automobilpionier. Er beauftragte das Architekturbüro Shreve, Lamb and Harmon. Diese drei Architekten vollbrachten mit ihrem Projekt bewundernswerte Ingenieurleistungen. Sie entwarfen für den Bau eine Stahlrahmenkonstruktion, die auch in großer Höhe ein stabiles Tragewerk sicherte. Die Fassade gestalteten sie mit Kalkstein und Granit und hängten sie in den Stahlrahmen ein. Bis zur 86. Etage bauten sie einen 320 Meter hohen Hauptblock, der sich nach oben stufenweise verjüngte. Darüber setzten sie einen 16 Etagen hoher schlanker Turm und in 381 m Höhe dann die 62 Meter hohe Antenne, so dass der Bau die stattliche Höhe von 483 Metern erreichte und damit den Höhenrekord gewann. Den Turm hatten die Architekten übrigens als Anlegemast für Luftschiffe aus Europa vorgesehen. Wegen der starken Aufwinde erwies sich die Idee aber als nicht realisierbar.

Art Déco

Keksdose art déco; Lizenz CC; Urheber Christos Vittoratos
Keksdose art déco; Lizenz CC; Urheber Christos Vittoratos

Die Eingangshallen sind sowohl im Chrysler- als auch im Empire-State Building im Stil des Art Déco gestaltet, der zwischen 1920 und 1940 Mode war. Dieser Stil wird heute als eine „gestalterische Verbindung von Eleganz der Form und Kostbarkeit der Materialien beschrieben. Charakteristisch sind stilisierte und flächige Darstellungen floraler und organischer Motive und das Fehlen von Schatten und Natürlichkeit.“ So vermitteln auch die genannten Eingangshallen Kühle und Eleganz. Die Lobby des Chrysler-Buildings prunkt mit poliertem Stahl, Marmorböden, Wandmalereien sowie Fahrstühlen, deren Türen aus vielerlei Holzarten bestehen. Die Lobby des Empire-State Building ist mit teurem Marmor ausgekleidet, der aus Europas Marmorbrüchen, zum Beispiel von der Lahn, kam. Die Einlegearbeiten in Marmor und Bronze sind sehenswert. In den Boomjahren durften New Yorks Künstler also ohne Rücksicht auf Kosten gestalten, während im kriegsgeschüttelten Europa solche eleganten Zeugnisse des Art Déco nur spärlich vertreten sind. Aber auch in den USA kam nach dem Börsencrash das Ende der reich verzierten Skyscraper und der Übergang zu mehr Sachlichkeit in der Architektur.

Kommentare

Zurück

Lesen Sie ebenfalls in dieser Kategorie