Die Schreikasse – ein Interview

von Lore Wagener

Die vierköpfige Familie L. wohnt im grünen Vorort einer rheinischen Kreisstadt. Sie hat die Ideen des Erziehungsberaters Thomas Gordon in der Praxis ausprobiert und ist so liebenswürdig, uns über ihre Erfahrungen Auskunft zu geben.

Das Interview

Zuerst dürfen wir die Dame des Hauses befragen:
LC: “Wie sind Sie dazu gekommen, das Gordon-Modell in Ihrer Familie zu erproben?“
Frau L.: „Ich habe einen sehr netten Kollegen mit ebenso netten Söhnen. Die sind allerdings 10 Jahre älter als meine Jungs. Dieser Kollege lobte einmal seine Erziehungs-Erfahrungen mit der Gordon-Methode. Und als ich dann von einer guten Freundin hörte, dass sie ebenfalls mit der Gordon- Methode Erfolg hatte, wurde ich neugierig. Ich kaufte mir den Ratgeber  „Familienkonferenz“ und studierte ihn gründlich. Die Empfehlungen des Autors erschienen mir einleuchtend, besonders sein Grundprinzip, durch positive Kommunikation mit der ganzen Familie Konflikte zu entschärfen und friedlich zu lösen. Ich besprach mein neu erworbenes Wissen mit meinem Mann, und wir beschlossen, den Termin für unsere erste  Familienkonferenz festzulegen. Unsere Söhne fanden das spannend und schrieben, wie von uns erbeten, alle Probleme auf, die sie vorbringen wollten. Meist waren das natürlich Probleme. die in allen Familien immer wieder vorkommen.

Die Schreikasse

Als sich dann bei unserem ersten Treffen alle ausgiebig geäußert hatten, stellten wir überrascht fest, dass es ein gemeinsames Problem bei uns  gab, das alle gleichermaßen nervte: Wir sind alle sehr lebhaft und ungeduldig und schreien uns gerne an. Das machte unseren Alltag hektisch und das wollten wir abstellen. Unsere gemeinsame Lösung war schließlich die Gründung der „Schreikasse“. Dazu wurde eine simple Dose befördert, in die jeder „Wüterich“ eine Gebühr für sein Geschrei einzahlen musste. Der Tarif: Erwachsene zahlten 1 Euro, Kinder die Hälfte. So folgte jetzt jedem Ausbruch die Präsentation der Schreikasse, was schon an sich eine Deeskalation brachte. Und nach einem halben Jahr konnten wir die Kasse für ein gemeinsames Essen leeren und brauchten sie fortan nicht mehr. Wir hatten gelernt, gelassener miteinander umzugehen.

Familie, ein dynamischer Prozess

Auf ähnliche Art haben wir dann andere Probleme mehr oder weniger gut behoben, Wir fanden aber keine Patentlösungen und keine Lösungen auf Dauer. Wir erkannten, dass Eltern die Familie als dynamischen Prozess mit immer neuen Herausforderungen begreifen müssen. Aber wir bekamen Übung in familiärer Kommunikation. Inzwischen brauchen wir die Gordon`schen Rituale, wie die förmliche Einladung, eigentlich nicht mehr. Die Problembesprechungen passieren jetzt ganz zwanglos, zum Beispiel, wenn wir zu viert im Auto sitzen. Und die Kinder selbst melden auch Themen an, für die sie nach einer Lösung suchen. So hat Max jetzt das Thema “Verrohung der Sprache“ für die nächste Sitzung angemeldet. Ihn nervt der Umgangston auf den Schulhöfen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Insgesamt finden mein Mann und ich. dass die Gordon-Methode den Umgang mit unseren heranwachsenden Söhnen entspannter gemacht hat.“

Interview mit dem zwölfjährigen Max

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LC: „Hallo Max, wie viel musstest Du denn in Eure Schreikasse zahlen?“
Max: „Nichts. Ich wollte mein Taschengeld nicht verschleudern und habe sehr auf mich aufgepasst. Ich habe während der ganzen Zeit  niemanden mehr angeschrien, auch nicht meinen kleinen Bruder.“
LC: „Aber es war doch Geld in der Kasse drin?“
Max: „Ja, aber das reichte nur für ein Familienessen bei Mac Donalds, was aber auch lustig war.“
LC: „Und wie war das mit den Computerspielen?“
Max: „Als wir die Spielkonsole hatten und uns Papa die Gefahren der Spielsucht erklärte, war ich 10 Jahre alt. Da konnte ich noch nicht abschätzen, was mir schadet. Deshalb fand ich es o.k., dass Papa Grenzen zog. Heute bin ich in der siebten Klasse und Papa meint, dass ich jetzt alt genug bin, um auf mich aufzupassen. Er kontrolliert mich jetzt nicht mehr so oft, wohl aber meinen kleinen Bruder.“
LC: „Was war für Dich vielleicht noch wichtig?“
Max: “Die Sache mit Mama. Mama ging es in letzter Zeit nicht so gut. Sie war oft krank. Sie hat uns dann einmal genau erklärt, was sie bei einem Migräne-Anfall empfindet. Ich konnte das nachempfinden, weil ich auch manchmal Kopfweh habe. Seit Mama uns das erklärt hat, sind wir rücksichtsvoller, wenn sie krank ist. Ich glaube, jetzt geht es ihr wieder besser.“

Das Interview mit dem Hausherrn

LC: „Ich  hörte, dass Sie mit der Gordon-Methode auch die Unordnung in den Kinderzimmern in den Griff bekommen haben. Das ist ja für viele Familien ein leidiges Thema.“
Herr L.: „Das stimmt. Ich kenne keine Kinder, die gerne aufräumen. Ich würde sagen, wir haben mit den Kindern einen Kompromiss geschlossen. Wir haben ihnen klar gemacht, dass man kein Zimmer säubern kann, wenn Boden und Möbel mit Kram zugestellt sind. So haben sie sich dazu bereit erklärt, etwa alle zwei Wochen ihre Zimmer „putztauglich“ zu machen, also Fußboden und Möbel so herzurichten, dass man saugen, wischen und entstauben kann. Damit ist eine gewisse Grundsauberkeit sichergestellt. Ansonsten sehen wir die Sache gelassener. Es kann ja noch werden. Ich war als Kind auch kein Ordnungsfan, während ich heute doch ein gepflegtes wohnliches Umfeld schätze.“

Computerspiele

LC: „Ich hörte, dass Sie die Zeit, die Ihre Söhne an der Spielekonsole verbringen dürfen, begrenzt haben. Begrenzen Sie auch die Auswahl der Spiele und Filme?“
Herr L:. “Ich habe wegen der Suchtgefahr zeitlich begrenzt. Beim Kauf von Spielen oder Filmen sehe ich mir die Altersangaben an. Bei Spielen, die ab 16 Jahren freigegeben sind, schaue ich genauer hin. Bei manchen halte ich aber die Vorsicht der Kinderschützer für übertrieben.
Wenn Ihre Frage auf die so genannten Ballerspiele abzielt, so bin ich nicht grundsätzlich dagegen. In jedem Western und jedem Tatort, auch in Star Wars, wird geschossen. Und ich habe als Bub auch gerne mit der Holzpistole rumgefuchtelt und Räuber und Gendarm gespielt. Das macht jeder Junge gern, warum sollte ich das verbieten. Und ein normal aufgewachsenes Kind kann zwischen Fiktion und Realität unterscheiden, sonst stimmt etwas nicht.

Brutale Filme und Spiele

Wogegen ich bin, das sind die brutalen Spiele oder Filme. Und die wollen die Kinder auch selbst nicht. Zum Beispiel wünschte sich Max neulich einen solchen Film. In der Vorschau war erkennbar, dass darin ein Mann mit einem Baseball-Schläger brutal getötet wurde. Als ich dies meinem Sohn erzählte, sagte er spontan, das wolle er nicht sehen. In der Klasse von Max gibt es zwar einige Kinder, die solche Filme oder Spiele mögen, aber tonangebend sind diese in der Klasse nicht. Die Freunde von Max lehnen auch die brutalen Sachen ab. Ich finde, wenn man ein Kind schon in frühem Alter mit unseren Wertvorstellungen vertraut macht, entstehen viele Probleme später erst gar nicht. Und die Gordon-Methode verhilft auch den Kindern dazu, ihre Probleme offen zu äußern. Dass sie dabei auch uns Eltern kritisieren, ist o.k. Wir können ja auch noch lernen.
Aber ein Thema besprechen die Jungs vermutlich lieber mit ihren Freunden. Und das sind ihre ersten Flirt-Erfahrungen. Ich denke, das wird noch spannend, aber da ist es wohl geboten, die väterliche Neugier zu zügeln.“

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