Die Familie, eine gefährdete Lebensgemeinschaft

von Horst Glameyer

Wer denkt bei dem Märchen „Hänsel und Gretel“ nicht gleich an die böse Hexe und ihr Knusperhäuschen? Dank des glücklichen Ausgangs, den das Märchen nimmt, tritt der Anlass des Geschehens leicht in den Hintergrund. Hänsel und Gretel werden aus bitterer Not im Wald einem möglichen Hungertod ausgesetzt.

Armut

Bekanntlich sammelten und bearbeiteten die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert Märchen, die sie als Kinder- und Hausmärchen herausgaben. Da das grausame Verhalten der Mutter in „Hänsel und Gretel“ mit dem Mutterbild der bürgerlichen Leser unvereinbar war, machten sie aus der Mutter eine Stiefmutter. Wann das Märchen entstand und mündlich überliefert wurde, ist nicht bekannt. Aber selbst in unserer Zeit gibt es weltweit arme Familien, die ihre Kinder nicht ernähren können. Von ihren Eltern werden sie in die Prostitution oder als Haushaltshilfen verkauft, die Sklavendienste leisten müssen. In europäischen Großstädten arbeiten sie mitunter als „Klau-Kinder“, weil sie noch nicht strafmündig sind..
Vor allem anhaltende Arbeitslosigkeit der Eltern kann das familiäre Zusammenleben stark belasten.

Berufliche Anforderungen und Probleme

Flexibel und mobil sollen die Beschäftigten sein. Das kann dazu führen, dass mancher Vater oder manche Mutter tage- oder wochenlang von daheim fort ist, um die Familie ernähren zu können. Wirtschaftliche Interessen bestimmen das Familienleben und belasten es nicht selten. Hinzu kommt die Sorge, ob der Arbeitsplatz und damit die finanzielle Familiengrundlage auf Dauer gesichert ist. Befristete Arbeits- oder Zeitverträge schaffen keine Sicherheit. Auch kann der Arbeitgeber seinen Betrieb an einen für ihn günstigeren Standort, u.U. ins Ausland verlegen.

Mangelnde Zukunftsgewissheit

Nicht selten droht den Beschäftigten Arbeitslosigkeit, wenn der Arbeitgeber Insolvenz anmelden muss. Aus solchen Unwägbarkeiten breitet sich in der Familie ein Klima der Unsicherheit aus. Die Zukunftsperspektive ist mit unterschwelliger Angst besetzt. Was wird man im Ernstfall aufgeben müssen und dafür gewinnen können? Das kann zu einer gereizten Stimmung zwischen den Eltern führen, die sich auf die Kinder überträgt.
Eine anhaltende oder sogar wachsende Ungewissheit beeinträchtigt das gesamte Familienleben. Oft ist es auch die Frage, ob man den finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann, die man im Vertrauen auf eine gesicherte Zukunft eingegangen ist. Es sind diese Bedrohungen von außen, die den Zusammenhalt einer Familie nicht selten auf eine harte Probe stellen.

Interne Familienprobleme

Mitunter grenzt es an ein Wunder, dass zwei Menschen mit völlig verschiedenen Lebenserfahrungen und unterschiedlichen Vorstellungen vom Familienleben es dennoch wagen, einen gemeinsamen Haushalt zu gründen und mit ein, zwei oder mehr Kindern eine Familie zu bilden. Abgesehen von vielen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten, sollen sich Eltern und Kinder innerhalb der Familie geborgen fühlen. Das verlangt immer wieder Anstrengungen und viel guten Willen, die kleinen und großen Probleme des täglichen Zusammenlebens zu meistern. Je nach Temperament der Eltern können schon Kleinigkeiten den Zusammenhalt gefährden. Früher bildeten die Dorfgemeinschaft, die Nachbarn und die Kirchengemeinde oft eine gewisse Klammer zum Erhalt der Familie, die man nur ungern durchbrach. Selbst die Kinder in der Pubertät können die Familienbande arg strapazieren.

Die Familie als Hort der Geborgenheit

Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg waren Geschwister und Verwandte als eine Art Großfamilie für viele Vertriebene, Flüchtlinge und aus der Kriegsgefangenschaft Entlassene der erste Zufluchtsort. Besonders in Notzeiten bewährte sich die Familie.

Der Erbfall

Die „ideale“ Familie ist eine Wunschvorstellung. Dennoch können schon frühzeitig die Eltern viel dazu tun, damit es später unter ihren Kindern nicht zu heftigen Erbstreitigkeiten kommt. Natürlich geht es in einer Familie nicht immer gerecht zu; aber nur um der Harmonie willen alle Differenzen unter den Teppich zu kehren, anstatt sie offen zur Sprache zu bringen, ist gefährlich. Nicht nur die Eltern sollten sich immer wieder gegenseitig ihrer Liebe versichern. Auch die Kinder haben ein Recht auf Zuneigung und Anerkennung, so verschieden sie auch sein mögen. Und alle wollen, dass das ausgesprochen wird und sie es hören. Manche Erwachsene können und wollen, was sie fühlen, nicht aussprechen. Im Erbfall brechen sich dann die lange unterdrückten Gefühle Bahn, wie z: B. Neid, Missgunst, verletzte Eitelkeit bis hin zu Hass, und wirken sich fortan zerstörerisch aus. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, die Verteilung des Nachlasses in einem Testament zu regeln.

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