Die Familie im Märchen

von Hildegard Keller

Die Familie gehört zu den wesentlichen Elementen des Märchens. Klare Unterscheidungsmerkmale bieten Kindern Orientierungshilfen. In Konfliktsituationen  (etwa die Hexe im Ofen oder der böse Wolf) ist ganz klar: Das Böse ist vollkommen besiegt.

Die Familienstrukturen

Titelblatt Grimms Märchensammlung
Titelblatt Grimms Märchensammlung

Im Märchen werden vielfältige Aussagen über Konflikte und deren Lösungen im menschlichen Zusammenleben gemacht. Trotz des Alters der Märchen ist nicht die Groß- sondern eher die Kleinfamilie (Aschenputtel…) der Ort des Geschehens.
Märchen bergen einen kostbaren Schatz an Lebenserfahrungen aus vielen Generationen. Sie bezeugen, dass Leben auch unter schwierigen Bedingungen gelingen kann: Es kommt nicht auf Macht, Reichtum und Schönheit an. Am Ende siegt immer das Gute. Daher sind Märchen eine Quelle für Lebensmut.
Die Persönlichkeiten innerhalb der Märchenfamilien sind klar strukturiert. Die Eltern sorgen für ihre Familie. Treten negative Eigenschaften auf, wird die Mutter zur Stief- oder Schwiegermutter (Schneewittchen), die Schwester zur Stiefschwester (Aschenputtel). Das Leben in der Patchworkfamilie ist dem Märchen nicht fremd (Hänsel und Gretel…). Am Ende lösen sich alle Schwierigkeiten; die Familie ist in Harmonie und Glück geeint

Entstehung/Geschichte der Märchen

Märchenerzähler Ch. Peraullt Quelle Wikipedia gemeinfrei
Märchenerzähler Ch. Peraullt Quelle Wikipedia gemeinfrei

Genaue Kenntnisse über die Entstehung der „maere“ in vorgeschichtlicher Zeit fehlen.
Märchen zählen zu den ältesten Erzählformen der Literatur.
Neben der Suche nach Hoffnung und Glück gewähren Märchen einen Blick in die Kultur des Landes, in dem sie entstanden sind.
Bereits im 16. Jahrhundert erscheint in Venedig die Sammlung von Francesco Straparolas mit 21 Märchen. 1696/98 veröffentlicht Charles Peraullt (Frankreich) Erzählungen, darunter die Volksmärchen „Rotkäppchen“, „Blaubart“, „ Frau Holle“.

Die Gebrüder Grimm Quelle Wikipedia gemeinfrei
Die Gebrüder Grimm Quelle Wikipedia gemeinfrei

Im 18. Jahrhundert kommt das Kunstmärchen in Mode. Es löst die Begeisterung für Erzählungen im orientalischen Stil aus. Feenmärchen werden „in“, wie etwa die „Märchen aus 1001 Nacht“. Bekannt sind die Märchen von Hans Christian Andersen.
Diesem Trend setzte Johann August Musäus 1782/86 die „Volksmärchen der Deutschen“ entgegen.
1812/15 beginnt mit der Veröffentlichung der „Kinder- und Hausmärchen“ durch die Gebrüder Grimm die Phase des Märchensammelns.
Bemerkenswert: Die Märchen überlebten den Untergang des gemeinsamen Erzählens in einer Zeit der vielfältigen Medien! (Siehe Links!)

Kinder brauchen Märchen

Märchenstunde Quelle Karl-Heinz Laube / pixelio.de
Märchenstunde Quelle Karl-Heinz Laube / pixelio.de

Durch die klare Aussage über die Wesensmerkmale von Gut und Böse erhalten Kinder Orientierungshilfen für ihr eigenes Verhalten. Es gibt in den Geschichten die bösen Figuren wie Hexen, Wölfe, Riesen und Zwerge, aber auch die guten Figuren wie Feen, Jäger, Prinzen und manchmal auch Tiere. Da die Guten das Böse immer besiegen, lösen die Bilder von brennenden Hexen und dem ertrunkenen Wolf nicht Angst und Schrecken aus..
Durch die klare Konstruierung der Märchen findet sich das Kind darin selbst wieder. Seine Ängste kann es so projizieren. .
Das Vertrauen in die eigenen Kräfte, die Freunde und Eltern wird gestärkt. Hänsel und Gretel konnten ja auch die Hexe besiegen und sind Helden!
So werden die guten Mächte auch dem Kind zur Seite stehen!
Märchen stärken das Abstraktionsvermögen, denn „die Hexen sind ja gar nicht echt“. Und sie werden besiegt
Viele Dinge kann das Kind mit seinem Verstand noch nicht erfassen. Im Märchen nehmen Emotionen, Gedanken und Gefühle Gestalt an und bieten damit Möglichkeiten der Verarbeitung.
Ein weiterer Pluspunkt für Märchen: sie wecken und stärken frühzeitig das Interesse an Literatur.

Resümee

„Es war einmal“, so fangen alle Märchen an.
Diese Worte bringen uns auch im Erwachsenen-Alter immer noch in eine besondere Stimmung. Erinnerungen werden wach: kuschelige Wärme und das Vorlesen aus dem Märchenbuch oder auch das Selbstlesen der Geschichten haben eine faszinierende Wirkung bis ins Alter. Wenn es draußen dunkel und kalt war und manchmal auch heftiger Sturm um das Haus fegte, erlebten wir eine nachhaltige Wohlfühl- Atmosphäre. Werden kommende Generationen auch einmal Erinnerungen haben, die sie durch das Leben begleiten?
„Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie auch heute noch“. So enden die Märchen. Es bleibt uns also die Hoffnung auf den Sieg der guten Mächte.

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