Vom Erhalten, Bewahren und Weitergeben

von Roswitha Ludwig

Im Blick auf unsere persönliche Geschichte leben wir nicht nur mit Erinnerungen. Auch Gegenständliches begleitet uns durch die Zeit. Einiges aus meinem Fundus, den ich „Familiengut“ nennen möchte, spreche ich wertschätzend an – teils nachdenklich, teils schmunzelnd.

Was uns erreicht

Zum Weitergeben gehören zwei Beteiligte: der Geber und der Nehmer. Und wenn man an das überlieferte „Familiengut“ denkt, kommt etwas Drittes ins Spiel, und das kann sehr verschieden sein. Was gegeben wird, muss natürlich angenommen werden, überhaupt gewünscht sein, sonst wird es der Geber nicht los. Es landet irgendwann im Nirwana oder im Sperrmüll.

Die Anlagen

Halt! Wir schlagen uns mit manchem herum, wonach wir nicht gegriffen haben, was nicht angenommen werden kann, was man eben mitbekommen hat – ererbte Anlagen. Die oft gebrauchte Wendung: „genetisch bedingt“, deutet das an. Vom Scheitel bis zur Sohle gibt es dazu eine Menge mehr oder weniger Auffälliges. Hinzu kommen Wesenszüge wie: der Humor des Vaters, die Schlagfertigkeit der Mutter. Es gibt auch auffällige Familienmerkmale, die man ebenfalls so ganz ohne Wunschofferte mitbekommen hat.

Merkmal Nase

Onkel Fritz
Onkel Fritz

Noch gut erinnere ich mich an den Besuch einer Verwandten, als ich ungefähr 14 Jahre alt war. Sie begrüßte mich und bemerkte erfreut: „Und eine Nase hast du, ganz wie der Fritz“. Ihr Mann, der Onkel meines Vaters, lebte damals schon nicht mehr. Ich kenne ihn von einem Portrait in Seitenansicht, auf dem die Nase wirklich sehr hervorsticht.
Vielleicht hätte ich das längst vergessen, wenn ich in jenen Jahren nicht etwas unwillig das Wachstum meiner Nase wahrgenommen hätte. Innerlich verabschiedete ich mich immer mehr von einem Näschen. Mein Sohn lässt sich ebenfalls klar der Verwandtschaftslinie mit diesem Merkmal zuordnen. Und für die Zukunft hoffe sich sehr, dass weitere Nachfahren in Sachen Nasenkorrektur keine Abhilfe ersehnen, dass also keine Schönheitschirurgen mit ihrer Gestaltungskunst beauftragt werden.

„Familiengut“

Speiseservice von 1911
Speiseservice von 1911

Dazu zähle ich vor allem Gegenstände. Ganz vorne rangieren die wertvollen, z.B. der Familienschmuck. Auch gebrauchsfähiger oder schmückender Hausrat wird vermacht. Ein großer Vorteil ist es, wenn der Geber das disponiert. Es erspart Reibereien bei der Haushaltsauflösung. Mich hat das Speiseservice meiner Großmutter, Heiratsjahrgang 1911 erreicht.
Meine etwas hastig arbeitende Mutter hatte einen beachtlichen Geschirrverschleiß. Deshalb erklärte meine Großmutter, ich solle einmal ihr noch vollständiges hochgeschätztes Speiseservice für 12 Personen erhalten. Das ehrte mich schon irgendwie, obwohl ich zu Aussteuer, wie man das Sammeln von Hausrat nannte, damals keinerlei Bezug hatte. Als ich 14 war, starb meine Großmutter bereits. Ich lebe noch heute mit vielen Erinnerungen an sie und mit dem noch immer vollständigen Speiseservice. Einige Jahre hat es meine Mutter für mich aufbewahrt, benutzt hat sie es nicht

Zum Gebrauch des Services

Als ich selber einen Haushalt und genügend Platz hatte, übergab sie mir einen Karton mit dem sorgsam eingepackten Geschirr. Sehr gerne wurde sie es los.
Mit Beginn der Spülmaschinenzeit bedeutete der Gebrauch Rückkehr zum Handspülen. Weder der Goldrand noch das dezente Blumenrändchen vertragen diesen technischen Fortschritt der Spültechnik. So einmal im Jahr, möglichst mit Familienbesuch, kommt es zu Ehren. Inzwischen denke ich über die Verkleinerung meines Haushalts nach. Wo wird es wohl landen, das gute Geschirr? Polterabend wäre das Letzte, was ich dafür wünsche.
Meine Tochter führt längst einen eigenen Haushalt. Nach WG-Jahren und Auslandsstudium hat sie ein ganz eigenes Verhältnis zu dem, was an Hausrat erforderlich ist. Das „bessere Service“ kommt bisher nicht vor.
Doch sie ist eine begeisterte Besucherin von Flohmärkten. Vielleicht müssen wir uns mal auf dem Flohmarkt treffen. Ich als Anbieterin eines über hundert Jahre alten Speiseservices und sie im Nostalgietaumel.

Das Familientaufkleid

Träger des Taufkleids: Opa und Enkelin 1980
Träger des Taufkleids: Opa und Enkelin 1980

Tradition kann bei jungen Leuten willkommen sein. So erlebte ich es mit einem Familientaufkleid.
Nun ist der Täufling von damals bereits Mutter. Sie freute sich darüber, dass der Sohn Oskar letztes Jahr im 99 Jahre alten Taufkleid seines Urgroßvaters getauft werden konnte. Dieses kam in der vierten Generation zum Einsatz beim sechzehnten Kind.
Weil früher die Kinder sehr klein getauft wurden, legte die junge Familie den Termin so, dass der Täufling noch hineinpasste. Für das älteste Kind der dritten Generation hat meine Mutter vor 50 Jahren das Unterkleid erneuert – grün, sozusagen geschlechtsneutral. Der Oberstoff, Batist mit Lochstickerei, muss wirklich schonend behandelt werden. Zur Zeit bewahre ich es auf. Über die weitere Verwendung würden wir, die heutige Großeltern-Generation, uns natürlich freuen, es ist noch einsatzfähig.

Ein Gästebuch als Quelle

Alte Namen sind nach einigen Generationen wieder en vogue. So ist der Name Oskar schon das zweite Mal bei den Täuflingen vertreten. Unser Enkelkind heißt so, ein Bruder meines Vaters trug diesen Namen ebenfalls. Ich weiß von ihm nur aus Erzählungen, weil er 1943 aus Russland als vermisst gemeldet wurde. Von meinen Eltern kann ich nichts mehr erfahren.
Doch im Gästebuch meiner Großeltern fand ich Eintragungen. Es gab einen ausführlichen Beitrag zur Tauffeier meines Onkels. Das Verschen mit dem Wunsch, ein Schwesterchen möge folgen, las ich bei der Tauffeier unseres Enkels Oskar gerne vor. Die kopierte Seite konnte ich übergeben, übertragen in Druckschrift mit einer Übersicht über alle bisherigen Taufkleidträger, einschließlich der jungen Mutter.

Was soll aufbewahrt werden?

Diese oft nicht leichte Entscheidung müssen wir bei Entrümpelungsaktionen immer wieder treffen. Wie dankbar bin ich meiner Mutter, dass sie das Gästebuch ihrer Schwiegereltern aufbewahrt und mir übergeben hat. Sie erkannte darin ein erhaltenswertes Dokument und wusste auch, dass sie mir damit eine große Freude bereitete. Einige wichtige Eintragungen möchte ich digitalisieren. Viele sind in deutscher Schrift geschrieben, die heute kaum mehr gelesen werden kann.
Eigentlich sind es nicht die Dinge, die wichtig sind, die Erlebnisse, die Erinnerungen sind es. Und es ist schön, wenn diese sich an Gegenständlichem festmachen lassen. Eine Fotografie beispielsweise kann Erinnerungen wieder lebendig werden lassen.
Was Kindern über die Vergangenheit ihrer Familien vermittelt werden kann und was sie behaltenswert finden, hat die Chance zur mündlich tradierten Geschichte zu werden, Familiengeschichte. Die hier „Familiengut“ genannten Dinge wirken als Inhaltsträger dafür.

Kommentare

Kommentar von Erna Subklew |

Der Artikel weckt in mir ein bisschen Neid, denn die vielen Dinge, die dazu führen sich seiner Familie bewusst zu werden und sie zu erinnern, haben wir Flüchtlinge gar nicht. Aber vielleicht ist es deshalb um so wichtiger, neue Erinnerungsträger zu schaffen.
Erna subklew

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