von Horst Glameyer

Es war die letzte Schulstunde vor den Weihnachtsferien. Herr Duve hatte die Kerzen am Adventskranz angezündet und las seinen Schülern eine Geschichte vor. Sie war etwas seltsam und handelte von einem Engel, der auf die Erde gesandt wurde, um eine Seele zu Gott in den Himmel zu holen. Aber der Engel gehorchte nicht und musste deshalb viele Jahre auf der Erde unter den Menschen leben.

„Es gibt keine Engel!“
Herr Duve brach mitten im Satz ab. Auch die Jungen und Mädchen vor ihm drehten sich überrascht zu Hanno um. Er war klein und schmächtig und saß in der letzten Reihe.
„Warum sagst du das?“ fragte Herr Duve.
„Weil es keine Engel gibt“, antwortete Hanno mit fester Stimme.
„Diese Geschichte hat der russische Dichter Leo Tolstoi geschrieben...“
„Trotzdem gibt es keine Engel“, beharrte Hanno.
„Ich will mich deswegen nicht streiten, aber vielleicht darf ich die Geschichte jetzt weiterlesen. Wir können uns ja später darüber unterhalten.“
Hanno sah Herrn Duve lange an.
„Ich mag keine Geschichten, die nicht wahr sind“, sagte er leise.
Herr Duve überlegte, wie er sich verhalten sollte. Er war mit Hanno immer gut ausgekommen. Die meisten Lehrer mochten ihn nicht.
„Dumm und frech“, sagte Herr Neuber, der Mathematiklehrer, und Frau Schulze nannte ihn einen aufsässigen Bengel. Sie gab Englischunterricht in der Klasse.
„So ein Bursche gehört nicht auf diese Schule“, behauptete der Biologielehrer.
Hanno Krüger war wirklich kein guter Schüler. Obwohl er die Klasse wiederholte, galt seine Versetzung wiederum als gefährdet.
„Der Krüger ist faul, das ist alles“, meinte der Chemielehrer.
Im Lehrerzimmer ließen sie kein gutes Haar an dem Jungen, und Duve wusste nicht, wie er ihn verteidigen sollte. Die Vorwürfe waren gewiss berechtigt; trotzdem hatte er den Eindruck, seine Kollegen machten es sich zu einfach.
„Sie scheinen diesen Bengel wohl zu mögen. Wissen Sie, was er gestern zu mir gesagt hat?“ Frau Schulzes Stimme bebte vor Empörung, aber Duve hatte es nicht hören wollen. Mit ein paar hastig gemurmelten Entschuldigungen war er aus dem Zimmer gegangen.

Hanno blickte Herrn Duve herausfordernd an.
„Ich glaube nicht, dass dich der Engel an dieser Geschichte stört. Was bedrückt dich, Hanno? Wir können nach der Stunde darüber sprechen, wenn du es möchtest.“
Herr Duve nickte dem Jungen freundlich zu. Hanno verschränkte die Arme über der Brust und setzte eine trotzige Miene auf. Seine Mitschüler wurden jetzt unruhig.
„Eingebildeter Affe!“
„Immer muss er stören.“
Herr Duve räusperte sich. Als er weiterlas, wurde ihm mehr und mehr bewusst, was Hanno an dieser Geschichte quälte.
„Wovon lebt der Mensch?“ fragt Tolstoi am Anfang seiner Erzählung und lässt den ungehorsamen Engel Michailo lernen, dass der Mensch von der Liebe lebt.
Hanno stand auf, nahm seine Schultasche, schob den Stuhl geräuschvoll unter den Tisch und ging hinaus. Die anderen waren sprachlos, dann aufgebracht.
„Der Krüger kann sich wohl alles erlauben!“
Herr Duve klappte das Buch zu. Es hatte keinen Sinn, die Geschichte zu Ende zu lesen. Er hob beschwichtigend die Hand.
„Hanno hat sich nicht richtig verhalten. Ich habe ihn trotzdem fortgehen lassen. Es gibt Geschichten, die sehr wehtun können. Ein Mensch, der einsam ist, empfindet das besonders schmerzlich.“
Die Jungen und Mädchen sahen Herrn Duve verständnislos an.
„Der Krüger will sich doch nur aufspielen!“
„Und warum tut er das?“ fragte Herr Duve, „denkt einmal darüber nach. Ich weiß nicht, ob wir ihm helfen können. Machen wir jetzt auch Schluss. Frohe Weihnachten!“
Lärmend stürmten sie aus dem Klassenzimmer. Herr Duve blies die Kerzen des Adventskranzes aus.

Am Nachmittag rief er bei Hannos Vater an.
„Herr Krüger, ich hätte Sie gern einen Augenblick gesprochen; nein, nicht am Telefon. Kann ich zu Ihnen ins Büro kommen?“
„Hat der Junge schon wieder etwas angestellt?“
„Nicht der Rede wert. Ich bin gleich bei Ihnen.“
Das Büro lag im dritten Stock eines alten Geschäftshauses. Es wirkte eng und dunkel. Vom Fenster aus blickte man in einen Hinterhof.
Herr Krüger bot seinem Gast einen Stuhl neben der Tür an und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Da rackert man sich von früh bis spät für die Familie ab, und dieser Bengel macht einem nichts als Scherereien.“
„Lieben Sie Ihren Sohn?“ fragte Herr Duve.
„Was soll das? Natürlich liebe ich ihn. Ich will doch nur sein Bestes. Aber was macht er? Treibt sich herum, ärgert die Lehrer. Stell ich ihn zur Rede, gibt er patzige Antworten. Ich weiß nicht, was in den Bengel gefahren ist. So wie es aussieht, muss ich ihn im Sommer von der Schule nehmen.“
„Und dann?“
Herr Krüger zuckte die Schultern.
„Jeder ist seines Glückes Schmied, das habe ich ihm oft genug gesagt.“
„Was muss Hanno tun, damit Sie ihm Ihre Liebe zeigen?“
„Soll ich ihn für seine Faulheit vielleicht noch belohnen?“
Herr Krüger war jetzt ärgerlich. Er stand auf und ging erregt hinter seinem Schreibtisch auf und ab. Es waren immer nur zwei, drei Schritte, dann musste er umkehren.
„Ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen, Herr Duve.“
„Heute morgen las ich den Schülern eine Geschichte von Leo Tolstoi vor. 'Wovon lebt der Mensch?' heißt sie. Vielleicht kennen Sie die Geschichte?“
„Tolstoi? Nein.“
„In der Geschichte erzählt Tolstoi von einem Engel, der lernen soll, dass wir Menschen von der Liebe leben.“
„Hm.“
„Alle hörten aufmerksam zu, als Hanno plötzlich sagte: 'Es gibt keine Engel.'-“
Krüger warf seinem Gast einen belustigten Blick zu.
„Hab auch noch keinen gesehen.“
„Darum ging es auch gar nicht. Ich bot Hanno an, nach der Stunde mit ihm darüber zu sprechen. Etwas später meinte er: 'Ich mag keine Geschichten, die nicht wahr sind.' Und schließlich nahm er seine Sachen und verließ die Klasse.“
„Unverschämt. Ich halte zwar auch nicht viel von solchen Geschichten, aber...“
„Setzen Sie sich doch wieder“, bat Duve.
Krüger nahm gehorsam Platz und trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte.
„Wenn ich es recht bedenke“, fuhr Duve fort, „wollte Hanno vielleicht sagen: Es gibt keine Liebe!“
Krüger legte die Hand flach auf den Schreibtisch und schwieg. Er wandte den Kopf und blickte aus dem Fenster.
Duve stand auf.
„Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes Weihnachtsfest“, sagte er leise, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

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