Frankfurter Bürger

von Erna Subklew

Bei der Recherche zum Thema Familie, fiel mir das Frankfurter Bürgerbuch von Dr. Alexander Dietz in die Hände. Es ist von 1897 und beschäftigt sich als erstes, unabhängig vom sozialen Status, mit dem Alter, der Herkunft und dem Beruf von 600 Frankfurter Familien, die das Frankfurter Bürgerrecht seit mindestens 1806 besitzen.

Über das Buch

Zu Beginn seines Buches, in der Einleitung, begründet Alexander Dietz, der selbst aus einer alten Frankfurter Familie stammt, sein Vorhaben. Zwar gäbe es schon zwei Stadtchroniken, sie behandeln aber jeweils nur die regierenden Adelsgeschlechter. Einfache Bürger und auch der „Handelsstand“, die Handwerker und Gelehrten, die Fischer und Weingärtner seien nicht erwähnt worden. Er bedauert es, dass bis auf den Erscheinungstag nur eine Geschichtsschreibung der Patrizier erfolgt sei, aber nicht die „reichgestaltigen Lebensverhältnisse der regierten Bürgerfamilien“ behandelt wurden. Dabei sind gerade sie es, die Frankfurt zu seiner Bedeutung verholfen haben.
Aus den ansässigen Frankfurter Familien hat er 600 der bekanntesten ausgewählt und untersucht, ob sie noch Nachfahren hatten und wie viele.
Er war sich bewusst, dass dies vielleicht zum Unwillen mancher Familie führen wird. Denn als 1722 das erste Mal in Frankfurt Kopulir- (Heirats-), Tauf- und Sterbeanzeigen in den „Frage- und Anzeigennachrichten“ erschienen, sei auch von „Verrat der Familiengeheimnisse“ gesprochen worden.

Vorgehen

Als Grund für seine Arbeit nannte A. Dietz Folgendes:
In einer Zeit, die durch den „Verlust der politischen Selbständigkeit“ gekennzeichnet ist, wo die „Mobilität“ immer größer wird und die Zunahme der Bevölkerung „unerwartete Dimensionen“ annimmt und das „Gefühl der Zusammengehörigkeit“ immer mehr schwindet, ist es ihm ein Bedürfnis die Lebensbedingungen der Frankfurter Familien festzuhalten. Er macht darauf aufmerksam, dass er nur die bis 1806 eingebürgerten Familien untersucht hat und es danach auch Einbürgerungen anderer bekannter Familien gegeben hat. Er macht darauf aufmerksam, dass in seinem Buch keine jüdischen Familien vorkommen, da diese zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Recht auf Einbürgerung hatten.
Nach der Einleitung und einem alphabethischen Verzeichnis der 600 Familien untersucht A. Dietz diese Punkte:
- die Altersfolge von 450 Familien
- ihre Herkunft
- das Verzeichnis der Familien niederländischer, französischer und italienischer Herkunft
- Berufe der Eingebürgerten
- die Frankfurter Börse
- Verzeichnis der 1806 noch bestehenden Handelshäuser
- Gewerbebetriebe
- Standeserhebung
- Bevölkerungsstatistik


Einbürgerungen

A. Dietz hat bei 450 Frankfurter Familien ermittelt, wann sie das  Bürgerrecht erworben haben. Zu einem besonders frühen Zeitpunkt erhielt die Familie Holzhausen im Jahre 1273 das Bürgerrecht.
Ab dem Tod von Kaiser Maximilian I. teilt Dietz die Bürgerrechtsverleihungen in acht Perioden ein und gibt ihre Anzahl an:
1. Maximilan I.                             bis 1519   (15 Einbürgerungen)
2. Reformationszeit                      von 1519 - 1554    (9 Einbürgerungen)
3. Niederländische Einwanderung  von  1554 – 1618  (56 Einbürgerungen)
4. 30 jähriger Krieg                       von 1618 – 1648   (35 Einbürgerungen)
5. Ludwig der XIV.                        von 1649-1689      (44 Einbürgerungen)     
6. Aufblühen der Stadt                 von 1690 -1740  (79 Einbürgerungen)
7. Zeitalter Friedrich des Großen  von 1740 – 1789  (122 Einbürgerungen)
8. Französische Revolution            von 1789 - 1806  (53 Einbürgerungen)

Die Herkunftsorte

Neben der Anzahl der Einbürgerungen war es Dietz wichtig  zu ermitteln, woher die Familien kamen. Er meinte, dass der Herkunftsort stolz darauf sein sollte, wenn es einem seiner Ausgewanderten gelang, in Frankfurt zu Ruhm und Ehren zu kommen, wie es bei der Familie Goethe, Feuerbach und anderen war. Anderseits sollte sich der Bürger auch bewusst bleiben, welchen sozialen Stand er hatte, als er nach Frankfurt kam. Ein Vorfahr Goethes war Hufschmied.
Es zeigte sich, dass die Einwanderer, die aus dem Heiligen Römischen Reich kamen, vorwiegend aus den nördlichen Landesteilen stammen, aus Franken, aus der Kurpfalz, aus Kassel. Von den untersuchten kamen unter anderem 116 aus Hessen, 114 aus Franken und 48 aus Hessen-Kassel.
Aus dem „Ausland“ kamen aus den Niederlanden  43, aus Frankreich  63, aus Italien 35, aus der Schweiz  12. Einzelne Personen, die einreisten, kamen aus unterschiedlichen Ländern. Diese heirateten sehr oft die Witwe eines verstorbenen Frankfurter Bürgers, sie heirateten also in eine ansässige Familie ein.

Berufe der Eingewanderten

Dietz bedauert es, dass anstatt die Geschichte des Frankfurter Handels und ihrer Handwerker zu schreiben, immer wieder nur über die Beschießungen von Kronberg durch die Sachsen, Preußen und andere Angreifer berichtet wurde.
Industrie und Handel hatten es in Frankfurt nicht leicht gehabt, sich zu entwickeln. Dies änderte sich einmal durch die Einwanderung einer beträchtlichen Anzahl jüdischer Familien, die bis ins 19. Jahrhundert hinein aber keine Bürgerrechte erhielten.
Ein zweiter Anstoß kam von den Glaubensflüchtlingen aus dem Welschland (Niederlande), Frankreich und von den italienischen Einwanderern. Die Zugezogenen waren sehr fleißig und übten selbst dann Berufe aus, wenn sie adlig waren. Außerdem ließen sie sich nicht von den Zünften vereinnahmen und entgingen manchem Druck.
So entstanden die Berufe des Posamentier, Barchentweber, Knopfmacher, aber auch Schneider und Metzger ließen sich nieder. Während es verhältnismäßig rasch zu einer Verschmelzung (Integration) der Niederländer kam, blieben die französischen Reformierten bis lange ins 19. Jahrhundert hinein eine Sondergemeinde, da sie von den städtischen Ämtern ausgeschlossen waren.

Handel und Gewerbe

Die Eingebürgerten brachten aus ihrer Heimat Fertigkeiten mit, die sie in Frankfurt weiter ausführten. So hatten die Niederländer Kenntnisse in der Weberei und im Tuchhandel und brachten die Edelsteinschleiferei nach Frankfurt. Außerdem kannten sie sich in Börsengeschäften aus.
Die italienischen Familien, die sich erst im 18. Jahrhundert dauerhaft niederließen, beschäftigten sich vor allem mit Südfrüchten, Gewürzen, Kartoffeln und Tabak, aber auch mit dem Seidenhandel. Der Familie Bolongaro gelang es, innerhalb von 30 Jahren, zu den reichsten Familien Frankfurts zu zählen.
1747 gab es in Frankfurt 110 große christliche Geschäftshäuser. Der erste Handelsadresskalender von 1775 enthielt 123 größere Firmen. Der Abreißkalender von 1806 dagegen zählte schon 400 christliche und 60 jüdische Geschäfte.

Was blieb

Die alten Frankfurter Familien, davon viele, deren Name jedes Frankfurter Kind kennt, sei es von Straßennamen, Museen oder Schulen - was ist aus ihnen geworden?
Aus der langen Liste wählte ich mir willkürlich 20 Namen heraus und sah im Telefonbuch nach, ob es noch lebende Vertreter dieser Familien gibt. Vier Familien haben in Frankfurt keine Nachkommen, allerdings sind zwei Schulen, ein Museum, ein Bad und eine Straße nach ihnen benannt.
Die Familie Holzhausen, die schon im Jahre 1273 das Bürgerrecht bekam, ist noch mit 11 Nachkommen vertreten. Noch mehr Nachfahren finden wir bei der Familie Bethmann, nämlich 51, die Familie Metzler ist mit 32 Nachfahren vertreten, Dauth mit 27, Feuerbach mit 23. Bei den anderen Familien sind die Nachkommen nur im einstelligen Bereich. Sogar viermal kann man Goethe finden, wenn auch zweimal mit einem Umlaut geschrieben. Es ist irgendwie tröstlich, noch etwas von den alten bedeutenden Frankfurter Familien zu finden.

Quelle: Universitätsbücherei Johann Christian Senckenberg Frankfurt
Dietz, Alexander:  Frankfurter Bürgerbuch,
Erscheinungsort Frankfurt, Erscheinungsjahr 1922 (1. Auflage 1897)
Sign. des Originals: Ffm 1/447

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http://d-nb.info/988007177/04

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