Als sich alles, alles änderte ...

von Hildegard Neufeld

In jeder Veränderung liegt auch eine Chance. Das erfuhr ich im Kriegswinter 1945, als sich ein einschneidender Wendepunkt in meinem noch jungen Leben abzeichnete, begleitet von persönlichen Herausforderungen und versehen mit neuen Möglichkeiten.

Lebensplanungen

Wohl alle Eltern wünschen ihren Kindern eine gute und erfolgreiche Zukunft und bemühen sich schon früh, ihnen zu einem positiven Start zu verhelfen. Ob sie bei der Lebensplanung ihrer Kinder und der sich anschließenden Weichenstellung auch in deren individuellen Interessen handeln, danach wurde, zumindest in früheren Zeiten, da die Emanzipation sich noch auf dem Weg befand und in das Familienleben nicht eingedrungen war, wohl kaum oder selten gefragt. So war es auch in meiner Familie.

Meine Vorfahren

Alle meine Vorfahren waren selbstständige Landwirte. Seit mehr als 300 Jahren haben sie in der einstmals deutschen Weichselniederung, nahe der Ostseeküste gelebt und dort ihr Land bebaut – bis sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden.
Auch meine Eltern, beide tätige Landwirte wie ihre Vorfahren, verloren am Kriegsende 1945 Haus, Hof und Besitz und auch ihre Zukunft, meine Mutter zudem ihr Leben.

Zukunftspläne

Ich hatte damals noch keinen nennenswerten materiellen Besitz, wenn man die in Schränken und Truhen bereits lagernde Aussteuer außer Acht lässt, mit deren Anfangsinvestitionen meine Mutter mich schon in meinen frühen Kinderjahren konfrontierte, um mich rechtzeitig auf meine spätere Rolle als kompetente Landwirtsfrau einzustimmen. Dass dies weder mein Wunsch und Wille war, noch es einst werden sollte,  wäre für meine Mutter wohl nie nachvollziehbar gewesen. Und so wurde ich denn, zusammen mit meiner älteren Schwester von Kindesbeinen an in allen hauswirtschaftlichen und teils auch landwirtschaftlichen Fertigkeiten unterwiesen, die mir als künftiger Landwirtsfrau wohl anstanden.

Der Wendepunkt

Wie viele Menschen in Deutschland erlebte ich das Ende des Zweiten Weltkrieges mit persönlichen Verlusten. Der Tod naher Angehöriger und der Verlust der Heimat belasteten mich sehr in den ersten Wochen und Monaten der Nachkriegszeit, die ich in einem dänischen Internierungslager verbrachte. Aber ich war jung und gesund und vor mir lag eine Zukunft, die es zu bewältigen galt. Wie konnte, wie sollte diese Zukunft aussehen?
Mein bisheriger Status als „Tochter meines Vaters“, der sich im heimatlichen Umkreis einer besonderen Wertschätzung erfreut und mir bisher auch durch sein Ansehen manchen Weg geebnet hatte, war mir durch meine Flucht verloren gegangen. Ich war nichts mehr, ich hatte nichts mehr und zudem auch nichts vorzuweisen – nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung, geschweige denn ein Abitur.

Der Neuanfang

Mein Einstieg in ein neues Leben, von dem ich schon lange geträumt hatte, würde mir einiges abverlangen, aber ich hatte keine andere Wahl, als mich den kommenden Anforderungen zu stellen.
Das berufliche Ziel war schnell gefunden, aber auf welchem Wege konnte es angesteuert und erreicht werden? Am Anfang stand fordernd das Abitur, nach dessen Ableistung mir die Türen der Universitäten offen standen und ich mich für das Studium der Volkswirtschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster einschrieb. Vier Jahre später begann mein neues Leben als Diplom-Volkswirtin in einem Wirtschafts-Fachverlag im schönen und traditionsreichen Bad Homburg am Fuße des Taunus.

Beruf und Zukunft

Fast drei Jahrzehnte lang war ich in meinem selbst gewählten und engagierten Berufsleben in einem Bad Homburger Verlag tätig und bin alle verfügbaren Sprossen der Karriereleiter hinauf gestiegen. Doch eines Tages war meine berufliche Zeit abgelaufen.
Ich war 60 Jahre alt und damit – der damaligen Gesetzgebung zufolge – zu alt, um meine Tätigkeit im bisher ausgeübten Beruf fortzuführen, aber jung genug, um noch einmal etwas Neues zu beginnen und weitere Zukunftsträume zu realisieren.

Der „Ruhestand“

Viele Rentner und Pensionäre, die aus ihrem Berufsleben ausscheiden, „fallen in ein tiefes Loch“, hieß es zumindest damals, als ich meinen Beruf an den Nagel hängte. Inzwischen haben Ruheständler die vielen Möglichkeiten, die ihnen in ihrer nachberuflichen Zeit offen stehen, weitgehend erkannt und nutzen sie auch.
Ich interessierte und entschied mich für das „Lebenslange Lernen“ und schrieb mich kurz entschlossen an der Universität des 3. Lebensalters der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main ein. Hier bot sich mir Gelegenheit, an neuen Entwicklungen und Projekten im Rahmen der Sozialen Gerontologie mitzuarbeiten.
In den folgenden zwölf Jahren habe ich mich im Rahmen eines Lehrauftrags zusammen mit interessierten und engagierten Seniorstudenten hiermit befasst, geforscht, dokumentiert und die Ergebnisse veröffentlicht.

Das Internet

Es war die Zeit, da die neuen Technologien die Welt eroberten und alle Altersgruppen in ihre Angebote einbezogen. Bald beeinflussten sie auch meine Interessen und Aufgaben, und ich begann, Computer und Internet nicht nur für meine eigenen Arbeiten zu nutzen, sondern – vor allem im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit – auch andere ältere Menschen dafür zu motivieren.
Im Rahmen eines Projektes am Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung  (ZAWiW) der Universität Ulm qualifizierte ich mich als Senior-Online-Redakteurin. Damals begann meine laufende Mitarbeit am „LernCafe“, dem ersten deutschen Online-Journal für weiterbildungsinteressierte ältere (und auch jüngere)  Menschen.
Meine Tätigkeit als Online-Redakteurin gibt mir immer wieder Gelegenheit, die Leser über die vielen Möglichkeiten, die die neuen Technologien uns bieten, zu informieren, und sie  auf die Chancen für ein aktives und positives Älterwerden und Alter hinzuweisen.

Resümee

Der Wendepunkt, der einst mein Leben und damit auch meine Zukunft einschneidend veränderte, war eine Folge des verlorenen Zweiten Weltkrieges. Unzählige Menschen, alte und junge, ja ganze Familien waren davon betroffen und mussten sich mit den neuen und oft schwierigen Lebens- und Existenzbedingungen auseinander setzen. Wie sie im einzelnen ihr Schicksal gemeistert haben, ist in entsprechenden Zeitzeugenberichten dokumentiert.
Mein eigener, mein persönlicher Wendepunkt war zunächst mit mannigfachen und immer wieder neuen Herausforderungen verknüpft, denen ich mich mit all meinen Kräften stellen musste. Sie leiteten meinen Start in ein aktives, teils kreatives, ja in ein erfülltes Leben ein, das ich noch heute, nach mehr als sechs Jahrzehnten, freudig und dankbar führe.
Mein Wendepunkt hat mir Glück gebracht.

Kommentare

Kommentar von Konrad Cremer |

Liebe Frau Neufeld,
ich bin durch Zufall auf das LernCafe gestoßen und habe ein wenig herumgeschnuppert. Ihr Beitrag hat mir sehr gut gefallen, vor allem, weil er so persönlich gehalten ist, ohne Verallgemeinerungen, und in dem schönen Schlusssatz gipfelt: Mein Wendepunkt hat mir Glück gebracht!
Danke!

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