Stalingrad

von Anne Pöttgen
Der Untergang einer ganzen Armee.

Ein zweiter Weltkrieg

Drei Jahre nach Beginn des 2. Weltkriegs beherrschte Deutschland zusammen mit Verbündeten einen Raum, der vom Nordkap bis El Alamein und vom Atlantik bis Stalingrad reichte. Ein halbes Jahr, nachdem deutsche Soldaten in Russland eingefallen waren (22. Juni 1941), erklärte Deutschland Amerika den Krieg (11. Dezember 1941).
Einerseits die Weiten Russlands und andererseits die Wirtschafts- und Rüstungskraft Amerikas: Das wird wohl manchem Militär Sorgen bereitet haben. Nach außen allerdings gab man sich in Berlin siegesgewiss.

Ein Warnschuss

Dass es im russischen Winter 1941/1942 bei der ersten Offensive an allem fehlte, was die Soldaten brauchten, wurde verschleiert. Man hatte mit einem weiteren Blitzsieg gerechnet und die Winterausrüstung vernachlässigt. Im November 1941 lagen deutsche Truppen zwar nur wenige Kilometer vor Moskau, aber am 5. Dezember ging die russische Armee zum Gegenangriff über. Frische Truppen gegen durch Hunger und Kälte erschöpfte Soldaten: Der Angriff war gestoppt.
Ein Warnschuss, den niemand im offiziellen Berlin ernst genommen hat.

Höhepunkt der Machtausdehnung

Mit der Sommeroffensive 1942 wurde die Stoßrichtung der Truppen geändert. Die kaukasischen Ölfelder schienen ein lohnendes Ziel zu sein. Auf einer Frontbreite von 800 Kilometern gelang noch einmal ein erheblicher Geländegewinn, eine Heeresgruppe (B) stieß bis zum Don und zur Wolga vor, eine andere bis zum Kaukasus (A). Damit war die größte Machtausdehnung Deutschlands erreicht. Man stand im Osten am Stadtrand von Stalingrad.

Nordafrika

Für Hitler war die Niederringung der Sowjetunion nach Aussagen seiner Umgebung zweitrangig geworden, sein Hauptinteresse galt den weitreichenden Plänen zur Eroberung des Mittleren Ostens. Allerdings gingen diese Pläne im November 1942 zu Bruch, die englische Armee war durch amerikanische Waffenlieferungen verstärkt worden und die Truppen des Generalfeldmarschalls Rommel mussten den Rückzug antreten.
Weiter im Westen eröffneten die Amerikaner durch ihre Landung in Marokko und Algerien eine zweite Front. Drohte hier eine Invasion?

Der Kessel von Stalingrad

Illustration

Am 22. November 1942 schlossen russische Truppen die deutsche 6. Armee unter General Paulus ein. Zu dieser Zeit hatte die Armee 90 Prozent der Stadt erobert. Seit Anfang Oktober war ein Häuserkampf im Gang, den man nachvollziehen kann, wenn man Bilder vom Untergang Berlins im Fernsehen sieht.
Der Angriff der Russen mit überlegenen Kräften machte allen Generälen der 6. Armee klar, dass ein sofortiger Rückzug die einzige Möglichkeit wäre, die Soldaten vor der Vernichtung zu retten. Aber: Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring behauptete, die Armee mit seinen Flugzeugen versorgen zu können und Hitler befahl „stehen zu bleiben“. Ein Entsatz durch die Heeresgruppe Don wurde versucht, aber nach sechs Tagen wegen der Übermacht der Russen abgebrochen. Die 6. Armee wurde ihrem Schicksal überlassen.
Am 8. Januar hatten die Russen dem deutschen Oberbefehlshaber Paulus einen Vorschlag für eine „ehrenvolle Kapitulation“ zukommen lassen. Er hatte abgelehnt. Am 31. Januar stellte der südliche Teil des Kessels den Kampf ein, am 2. Februar war auch im Norden das Ende da.

Not und Tod

Quelle BArchBot, Lizenz by sa
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300 bis 400 Tonnen Nachschub wären erforderlich gewesen, um die kämpfenden Truppen zu versorgen. Doch die zugesagten Lieferungen aus der Luft wurden ständig geringer, die Flughäfen waren von den Russen erobert worden. Zwei Schnitten Brot, etwas Tee oder eine dünne Suppe, das war die Tagesration im Dezember 1942. Etwa 150.000 Soldaten sind der Kälte und dem Hunger zum Opfer gefallen, 91.000 gerieten in Gefangenschaft, aus der 1956 nur 6.000 Mann zurückkehrten. Insgesamt kamen in der Schlacht um Stalingrad 700.000 Menschen ums Leben. (Die Zahlen variieren stark je nach Quelle).
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat neben einem russischen Soldatenfriedhof nahe dem heutigen Wolgograd (früher Stalingrad) die Namen der mehr als hunderttausend Vermissten von Stalingrad in steinerne Würfel eingravieren lassen.

Auftakt zum „Totalen Krieg“

„Obgleich den Ereignissen in Nordafrika im Rahmen des Gesamtgeschehens die weitreichendere Bedeutung zukommt, wurde das deutsche Heer und mit ihm das deutsche Volk durch die Katastrophe von Stalingrad weit stärker, weil unmittelbarer und handgreiflicher betroffen. Dort vollzog sich etwas seit Generationen Unfassbares, seit 1806 nicht Erlebtes, der Untergang einer vom Feind eingeschlossenen Armee“ (von Tippelskirch, Geschichte des Zweiten Weltkriegs, 1951).
Reichspropagandaminister Goebbels nutzte die Betroffenheit der Menschen zu einem Aufruf zum „Totalen Krieg“. Es wurde bekanntermaßen die totale Niederlage und die Schlacht um Stalingrad wird als Wendepunkt empfunden.

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