Der Frieden lässt auf sich warten

Von Manfred Mätzke

Die Geschichte des Nahostkonflikts beginnt mit der zunehmenden Einwanderung von Juden nach Palästina Ende des 19. Jahrhunderts. Seit 1918, mit Eroberung der Region durch Großbritannien, gibt es zwischen Israel und den Palästinensern keinen Frieden. Mit jedem bedeutenden Ereignis im Nahen Osten sind neue Hoffnungen und Befürchtungen verbunden. Was bleibt sind Zorn und Enttäuschung. Und kleine Oasen der Hoffnung.

Was meint „Nahostkonflikt“?

Mehrere Konfliktebenen wirken zusammen: der mit dem Zuzug von Juden verbundene Kampf um Palästina. Der Konflikt zwischen dem Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn nach 1948. Die Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern innerhalb Israels und den besetzten Gebieten. Hinzu kommen die innerarabischen Auseinandersetzungen um die Vormachtstellung in der Region sowie Prozesse der Entkolonialisierung. Eine weitere Rolle spielt auch die Haltung der Europäer, der USA, Russlands oder Chinas zu den jeweils aktuellen Konfliktzonen.

Vorgeschichte

Mit dem Beginn der Zerstörung der „provincia judaea“ ab 70 n. Chr. (Zerstörung des zweiten Tempels) durch die Römer begann die Zerstreuung der Juden über Vorderasien, Nordafrika und den Mittelmeerraum. Nach dem jüdischen Aufstand 135 n. Chr. wandelten die Römer den Namen in „provincia palaestina“ um. Die Erinnerung an die Juden sollte vernichtet werden. Ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung blieb weiterhin im Lande. Und aus zumeist religiösen Gründen zogen im Lauf der Geschichte vereinzelt Juden nach. Fünf jüdische Einwanderungswellen (Alijot) setzten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Diese führten zu größeren Auseinandersetzungen mit den ansässigen Arabern. Mit der fünften Alija (etwa 1930 bis 1939) kamen 200.000 bis 250.000 Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland, aus Polen und Zentraleuropa. 1939 schränkte die britische Mandatsmacht die Möglichkeiten der Einwanderung von jüdischen Flüchtlingen ein. Dennoch gelingt weiteren 100.000 verfolgten Juden die Einwanderung.

Von der Balfour Deklaration bis zur Gründung Israels

Im Ersten Weltkrieg unterstützt Großbritannien die Ausdehnung der Araber. In der Balfour Deklaration 1917 versprechen die Engländer der Zionistischen Weltorganisation (WZO) Unterstützung für den Aufbau einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. 1922 beginnt das britische Palästina-Mandat im Auftrag des Völkerbunds. Es ist mit der Auflage verbunden, nichts zu tun, was die Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte. Diese Situation und die jüdische Einwanderung führen zu Pogromen und Unruhen. In der Resolution 181 der UN vom 29. November 1947 wird die Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat festgelegt. Jerusalem soll unter internationale Verwaltung gestellt werden.  Am 14. Mai 1948 endet das britische Mandat über Palästina. Am gleichen Nachmittag proklamierte Ben Gurion den Staat Israel. Damit geht ein jüdischer Traum in Erfüllung. Einen Tag später erfolgt der Angriff von fünf arabischen Staaten. – Eine Katastrophe (Nakba) aus Flucht und Vertreibung Hunderttausender Menschen für die Palästinenser, der Kampf um die Unabhängigkeit, um Existenz und Überleben für Israel.

Vom Sechstagekrieg bis zur 1. Intifada

Im Mai 1964 wird die Palästinensische Befreiungsorganisation gegründet. Der Sechstagekrieg Israels 1967 gegen Ägypten, Syrien und Jordanien führt zur Einnahme von Ost-Jerusalem und weiteren Gebieten. Und wieder fliehen Hunderttausende von Palästinensern. Ihre Vertreibung bringt die PLO zu ihrer heutigen Bedeutung. Es folgen der Zermürbungskrieg Ägyptens sowie der Jom-Kippur-Krieg 1973. Israel beginnt 1974 sich vom Sinai zurückzuziehen. Nach Unterzeichnung der Camp-David-Vereinbarung 1978 wird im Jahr darauf der Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel geschlossen. 1982 kommt es zum Libanon-Krieg. Er findet während des Libanesischen Bürgerkrieges statt und soll die PLO schwächen.1987 beginnt die erste Intifada (ausgedehnte, gewalttätige Aufstände) in Gebieten unter israelischer Verwaltung.

Von der Madrid-Konferenz bis zum Oslo-Abkommen

1991 findet die Nahost Friedenskonferenz von Madrid statt. Syrer, Libanesen, Jordanier und Palästinenser sitzen mit Israelis an einem Verhandlungstisch. Weitere Verhandlungen folgen 1993 im Oslo-Prozess. Ein Ergebnis daraus: Verabschiedung einer Grundsatzerklärung zur vorläufigen palästinensischen Selbstverwaltung im Gazastreifen und im Gebiet von Jericho. Ein Meilenstein im Friedensprozess: Beide Seiten erkennen einander offiziell an. (Oslo I) Im Juli 1994 unterzeichnen König Hussein von Jordanien, der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin und US-Präsident Bill Clinton in Washington den
israelisch-jordanischen Friedensvertrag. Im September 1995 kommt es zum Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen. (Oslo II) Es regelt die Zuständigkeiten für einzelne Gebietsteile. Am 28. Dezember 1995 wird Jitzchak Rabin auf einer Friedenskundgebung ermordet.

Von Camp David II bis zur Gründung der Hamas

Im Juli 2000 scheitern erneut Friedensbemühungen, Verhandlungen auf höchster Ebene, mit US-Präsident Bill Clinton, Jassir Arafat und Ehud Barak. Die israelischen Angebote bleiben weit hinter den palästinensischen Erwartungen zurück, das in Oslo vereinbarte Konfliktmanagement bricht zusammen. Im Herbst des Jahres bricht die zweite Intifada mit Auseinandersetzungen in bisher unbekannter Schärfe aus. Eine „arabische Friedensinitiative“ im Frühjahr 2002 bewirkt nichts. Im Juni 2002 beginnt Israel mit dem Bau eines „Sicherheitszaunes“. Die Islamische Widerstandsbewegung Hamas gewinnt zunehmend an Einfluss. Im Jahr 2006 beteiligt sie sich an den Parlamentswahlen und gewinnt sie.

Vom Mekka-Abkommen bis zum „arabischen Frühling“

Das Mekka-Abkommen 2007 führt zu einer palästinensischen Regierung der Nationalen Einheit. Konflikte zwischen PLO und Hamas in der Frage der Haltung zu Israel gibt es jedoch weiterhin. Im Herbst 2010 beginnt die „Arabische Zeitenwende“ in Tunesien. Sie breitet sich über viele Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens aus. Für Israel haben sich dadurch die außen- und sicherheitspolitischen Bedingungen verändert. Was das im Einzelnen bedeutet, ist schwer einzuschätzen: Frühere Partner sind auf ungewissem Kurs. Berechenbare Feinde wie Syrien stehen im Bürgerkrieg.

Das Denken wenden

Die markanten Positionen in der Geschichte von Palästinensern und jüdischen Israelis verändern immer wieder ihr Zusammenleben. Dennoch: Der Konflikt ist bis heute ungelöst. Eine Wende zum Frieden hat es bisher nicht gegeben, auch wenn mit der Road Map von 2003 eine Absichtserklärung vorliegt. Sie teilt den Weg zur Konfliktlösung in drei Abschnitte. Ausdrücklich nennt sie als Ziel die Zwei-Staaten-Lösung. Aber nur wenig geschieht. Unklar bleiben die Pläne des ehemaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon. (Näheres bei Johannsen, M., S. 145 ff.)  Auf Basis seines Disengagement-Plans räumt Israel 2005 den Gazastreifen. Ein Treffen der Konfliktparteien mit US-Präsident George W. Bush im November 2007 hat den stagnierenden Friedensprozess nicht wieder belebt. Die Hälfte der Palästinenser, repräsentiert von der Hamas, war ohnedies ausgeschlossen. Schritt um Schritt ist in den vergangenen hundert Jahren gegangen worden. Wo stünde die Region ohne all die Versuche zur Befriedung?

Zwei Völker – ein Staat?

Diese Alternative zu einer Teilung des Landes ist bei Israelis und Palästinensern nicht beliebt. Sie wird auch als ein möglicher Ausweg aus der „demographischen Falle“ gesehen. (Vgl. Johannsen, M., S, 153 ff.) Aktuell ist zu diesem Modell das Buch „Ein Staat für Palästina? Plädoyer für eine Zivilgesellschaft in Nahost“  von Sari Nussibeih erschienen. Doch bisher liegt das Buch weder in arabischer noch in hebräischer Übersetzung vor.

Es gibt auch Miteinander

Kein spektakulärer Wendepunkt, sondern eines von vielen Beispielen für stetiges Miteinander von Palästinensern und Israelis ist das Dorf „Neve Shalom“ (Oase des Friedens). Das an der Autobahn Tel Aviv-Jerusalem gelegene Dorf wurde von jüdischen und arabischen Staatsbürgern Israels gemeinsam aufgebaut. Hier leben Juden und Palästinenser in guter Nachbarschaft friedlich zusammen. Oder die Talat-Aiyalan-Stiftung. Ihr Ziel ist aktive Friedensarbeit durch Förderung von Aufklärung, Begegnung, Versöhnung und Freundschaft. Dies soll erreicht werden durch Schüleraustausch von Jugendlichen aus Palästina, Israel und Deutschland. Derartige Initiativen gibt es viele. Ein ambitioniertes Projekt eines gemeinsamen Schulbuches stagniert im Moment. Das Buch trägt den Titel „Das Historische Narrativ des Anderen kennenlernen“. Eine ganz andere Kooperation verbirgt sich hinter der News-Meldung „Israelis und Palästinenser gemeinsam in der Cloud“. Es handelt sich dabei um eine Gemeinschaftsentwicklung von Programmierern. Spannend zu verfolgen wird auch sein, dass Palästinenser Hebräisch lernen. Im Gazastreifen führt die Hamas an den allgemeinen Schulen den Unterricht ein.

Schaut auf dieses Land

Die vorliegende Darstellung hat sich auf markante Ereignisse der letzten hundert Jahre beschränkt. Sie kann nur sehr verkürzt und holzschnittartig sein. Sie kann den komplexen Problemen in der Region nicht gerecht werden. Für das „ganze Bild“ ist eine gründliche, vertiefende Durchdringung der neueren Geschichte notwendig. Das dann kein Bild in Schwarzweiß sein wird, sondern ein Bild, das dem Außenstehenden eine differenzierte Meinung ermöglicht.

Kommentare

Kommentar von Uwe Bartholl |

Mir fehlte damals als 17-jähriger am 14. 05. 1948 jede Fantasie mir vorzustellen, dass mit der Staatsgründung Israels eine friedliche Lösung der Existenzsicherung der Juden im gelobten Land gefunden worden sei. Das Schicksal der Juden UND der Palästinenser ist nie aus meinem Blickpunkt verschwunden. Gehofft, ja, aber nie erreicht wurde ein Weg zum Miteinander. Wo ist der Wendepunkt?
Dein Beitrag, Manfred, zeigt die Ansätze, aus denen Hoffnung für einen Wendepunkt hätte sprießen können. Die Inseln des gelebten Miteinanders von Palästinensern und Israelis sind solche geblieben. Dein Beitrag zeigt mir noch einmal deutlich in seinem Überblick, wie schicksalhaft die Zerrissenheit zum biographischen Erfahrungsschatz dieser gebeutelten Region gehört. Ein Wunder müsste geschehen.

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