Brandts Kniefall

von Roma Szczocarz
„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen“
Wilhelm Tell von Friedrich Schiller
Ein Wendepunkt ist derjenige Zeitpunkt, an dem eine wichtige Veränderung
eintritt: Man ist dann an einem Wendepunkt angekommen.

Der Warschauer Vertrag

Am 7. Dezember 1970 unterzeichnete Willy Brandt, der erste deutsche Kanzler, der seit Kriegsende 1945 Polen besuchte, in Warschau einen Vertrag. Im Warschauer Vertrag wird die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens anerkannt und auf gegenseitige Gebietsansprüche verzichtet.
Für Polen unterschrieb den Vertrag Jozef Cyrankiewicz, der selbst das KZ Auschwitz überlebte - Zeitzeichen.
Bei einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Helden des Ghettos in Warschau kniet Kanzler Brandt plötzlich nieder. Ein Wendepunkt, dargestellt in einer spontanen Handlung bei einer Kranzniederlegung. Die Szene verschlug einem den Atem, weil die Politik Gefühle zeigte. So beschrieb im Spiegel der Journalist Hermann Schreiber, der damals Willy Brandt nach Warschau begleitete, diese Szene:
„Wenn (der für die Nazi-Verbrechen nicht verantwortliche Widerstandskämpfer Brandt) dort niederkniet - dann kniet er also nicht um seinetwillen. Dann kniet er
da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien - weil sie es nicht wagen oder nicht können, oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland“. (Spiegel, Nr. 51/1970)

Brandts Kniefall

Besonderheit von Brandts Tat

Der Kniefall Willy Brandts wird in der ganzen Welt als Zeichen der Versöhnung verstanden, als Abbitte, als Bitte um Vergebung für die Verbrechen, die im 2. Weltkrieg in deutschem Namen begangen wurden. Für viele Ältere war das Zeichen der Aussöhnung hingegen hoch schockierend und wurde schlecht kommentiert.
Es ging unter anderem darum, dass der Kniefall von einem Mann kam, der wegen seiner Flucht aus Nazi-Deutschland als “Vaterlandsverräter“ betrachtet wurde.
Er hatte ja keine Ahnung im Exil, was es bedeutete, in der Diktatur zu leben. Diese fehlende eigene Verstrickung war es, die die Geste so glaubwürdig machte. Bundeskanzler Willy Brandt war genau deswegen einer der wenigen seiner Generation, der das Knie in Würde beugen konnte.
So schrieb Willy Brandt Jahre später in seinen Erinnerungen:
„Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten
tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt“.

„Guter Deutscher“

Ein „guter“ Deutscher - dieses Bild passte den kommunistischen Machthabern nicht. Deshalb sendete das polnische TV zuerst die Kniefallszene nicht, erst als die Geste weltbekannt wurde, druckten die Zeitungen das Foto. Es war aber das Foto, bei dem Brandt nicht kniete, sondern stand. Schicksalsironie: In Polen sah diese berühmte Szene faktisch anders aus.
In Deutschland war es ganz anders, da hagelte es massive Kritik. Viele Vertriebene waren geschockt, konservative Kreise in der Bundesrepublik kritisierten heftig die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und warfen Brandt vor, die deutschen Ostgebiete verkauft zu haben. Kanzler Willy Brandt erklärte sein Handeln mit den Worten: „Wir geben nichts verloren, was nichts längst verloren worden war“. (Zitat aus FOCUS Online)
Link

Friedensnobelpreis für Willy Brandt

Der Friedensnobelpreis ist eine Kategorie des von dem schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel gestifteten Preises. Nach Maßgabe des Stifters soll er an denjenigen vergeben werden “der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit “im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.
Die Auszeichnung wird seit 1901 jedes Jahr am Todestag Alfred Nobels, dem 10. Dezember, in Oslo verliehen.
Am 20. Oktober 1971 spricht das norwegische Preiskomitee Willy Brandt den Friedensnobelpreis für seine Politik der Versöhnung besonders gegenüber Osteuropa zu.
Als die Nachricht aus Oslo eintrifft, berät gerade der Bundestag und der Bundestagspräsident unterbricht die Sitzung und sagt: “Herr Bundeskanzler, diese Auszeichnung ehrt Ihre aufrichtigen Bemühungen um den Frieden in der Welt und um die Verständigung zwischen den Völkern. Der ganze Deutsche Bundestag
gratuliert ohne Unterschied der politischen Standorte Ihnen zu dieser hohen Ehrung“.
Links
http://www.generationenprojekt.de/1970/KniefallBrandts.html

Bild: Friedensnobelpreis für Willy Brandt
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/37/Haus_der_Geschichte_2009c.jpg

Schlussfolgerung

In Warschau, in der Nähe des Ehrenmals der Helden des Ghettos und dem Gebäude des Museums der Geschichte der polnischen Juden wurde ein Kniefall-Denkmal im Jahre 2000 errichtet. Das Areal um dieses Denkmal heißt offiziell Skwer Willy Brandt
auf Deutsch Willy-Brandt-Platz.

Link:
Willy-Brandt-Platz - Denkmal des Kniefalls auf dem Skwer Willy Brandt

Kommentare

Kommentar von R. Schneider |

Am Tag, da die ganze EU den Friedensnobelpreis erhält, darf man sich gerne auch an Willy Brandt und seinen Kniefall erinnern, der auch einen wichtigen Stein in das Mosaik eingefügt hat, das zum Europa führte, wie wir es heute kennen.

Kommentar von Darius K. Mazur |

Willy Brandt ist und bleibt ein großer Mann, ein Beispiel für uns alle, dass man Verstand und keine Waffen einsetzen soll. Nur Willy Brand hatte den Mut allen anderen Machthabern der Welt zu zeigen, was tatsählich Stärke bedeutet, nämlich Völker zu vereinen statt zu zerreißen. Ein vereintes Europa ist an seiner Heldentat entstanden und gewachsen. Willy Brandt wuste zu handeln wo es keine Worte mehr gab, das hat er getan nicht für sich selbst, sondern für die Abertausende die es versäumt haben und für uns alle. Er ist und bleibt uns ein Beispiel, ein Held, für uns, unsere Kinder und weitere Generationen.

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