Auf halbem Wege stehen geblieben

von Erdmute Dietmann-Beckert
Geschichte ist „die geistige Form, in der eine Kultur sich Rechenschaft über ihre Vergangenheit ablegt“.Johan Huizinga. Deutsche Geschichte.Bd.7 Stuttgart 1997.

Revolutionen und Hoffnung auf Veränderung

Nationalversammlung; gemeinfrei
Nationalversammlung; gemeinfrei

Unruhen und Revolutionen in Frankreich um die Mitte des 19. Jahrhunderts weckten bei vielen Menschen den Wunsch nach Veränderung und Besserung ihrer sozialen Lage. Die Weber im Osten Deutschlands hungerten, weil ihnen durch die Einführung der mechanischen Webstühle die Aufträge fehlten. Im Westen stiegen wegen der Missernten die Brotpreise. Der Ruf nach Freiheit und Wohlstand für alle wurde lauter.
Im Mai 1848 trat die frei gewählte Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt zusammen. Sie sollte eine Verfassung beschließen als Voraussetzung für eine neue deutsche Einheit. Die Mitglieder waren frei gewählte Männer aus allen deutschen und österreichischen Provinzen. Sie gehörten zu unterschiedlichen politischen Lagern, wie liberalen, konservativen und radikal demokratischen. Aber alle gehörten zum „Besitzbürgertum“. Frauen waren nicht zugelassen.

Die revolutionären Wortführer

Von den Kämpfen in der Badischen Revolution sind vor allem zwei Männer im  südwestdeutschen Gedächtnis geblieben. Es sind Gustav Struve und Friedrich Hecker. Heckers Einsatz für die Freiheit wurde noch lange im Lied vom „Heckerzug“ besungen.
Gustav von Struve wurde als Sohn eines russischen Gesandten im Oktober 1805 in Karlsruhe geboren. Nach dem Studium der Jurisprudenz arbeitete er zwei Jahre lang im Staatsdienst. Ab 1836 führte er in Mannheim eine Anwaltskanzlei und veröffentlichte Artikel, die von der Zensur beobachtet wurden.
Während der Verhandlungen zur Nationalversammlung in Frankfurt lernte er Friedrich Hecker kennen, seinen Verbündeten in den Revolutionskämpfen.
1845 legte er seinen Adelstitel ab, nachdem er Amalie Düsar, die Tochter eines Französischlehrers, geheiratet hatte.
Nach der endgültigen Niederlage im Kampf um die badische Revolution wurde er zu Festungshaft verurteilt. Freunde konnten ihn befreien. Er emigrierte 1851 zusammen mit seiner Frau in die USA. 1863 kehrte er nach Deutschland zurück und starb im August 1870 in Wien.

Friedrich Hecker

F. Hecker; gemeinfrei
F. Hecker; gemeinfrei

Er wurde im November 1811 in Eichtersheim im Kraichgau geboren. Sein Vater, Josef Hecker, war dort Rentamtmann. Friedrich studierte Jura in Heidelberg und München und promovierte 1836.
Am Oberhofgericht in Mannheim arbeitete er als Advokat und wurde Mitglied des Badischen Landtags. 1847 unternahm er Reisen nach Frankreich und Algerien.
Am 5. März 1848 beteiligte er sich zusammen mit Gustav Struve an der Heidelberger Versammlung, während der die beiden dafür plädierten, dass sich deutsche Männer für Freiheit, Einheit und Ordnung einzusetzen hätten. Der entsprechende Antrag fand keine Zustimmung.
Nach dem Scheitern der Badischen Revolution emigrierte er nach USA und beteiligte sich an den Freiheitskämpfen. Er unterstützte Abraham Lincoln im Wahlkampf. In seinen Vorträgen wehrte er sich vehement gegen das Frauenwahlrecht. Als Farmer und Weinbauer starb er im März 1881.

Fraktionssitzung; gemeinfrei
Fraktionssitzung; gemeinfrei

Im September 1847 forderten in Offenburg Gustav Struve und Friedrich Hecker, im Namen der radikalen Demokraten, die Grundrechte, wie persönliche Freiheit, Pressefreiheit, Gewissens- und Lehrfreiheit. Im April 1848 verlangten sie vom Vorparlament in Frankfurt, sich für ein parlamentarisches System in Deutschland einzusetzen. Es sollte so lange bestehen, bis ein frei gewähltes Parlament die Arbeit aufnehmen könnte.
Gustav Struve legte ein fünfzehn Punkte Programm vor. Es sollte den Weg in ein neues politisches System weisen. Die Grundrechte freier Bürger sollten anerkannt und die Vorrechte bestimmter Gruppen aufgehoben werden. Die Abgeordneten lehnten das Papier ab. Hecker und Struve verließen das Vorparlament und beteiligten sich am Badischen Aufstand.
Der wurde niedergeschlagen. Viele Menschen starben. Preußische Soldaten hatten eingegriffen, die Revolution war beendet, aber die Not im Land ging weiter.

Frauen und die Revolution

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielten die Frauenrechte weder in der Politik noch in der Öffentlichkeit eine Rolle. Die Männer kämpften für ihre Freiheit und ihre Rechte. Bei der Abstimmung für die allgemeinen Menschenrechte waren die Stimmen der Frauen nicht gefragt.
Jedoch während der Kämpfe akzeptierten die Revolutionäre sehr wohl die weibliche Unterstützung. Hier lobte Friedrich Hecker sie ausdrücklich.
Auch an den Brotkrawallen, wie in Ulm und anderen süddeutschen Städten, beteiligten sich sicher auch Frauen und kamen dafür ins Gefängnis.

Frauen, die sich einmischten

Louise Otto-Peters;
Louise Otto-Peters;

Louise Otto-Peters (1819-1895) veröffentlichte ihre „Frauen-Zeitung“ unter dem Motto: „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen“. Sie plädierte dafür, dass Frauen die Pflicht hätten, an den Interessen des Staates teilzunehmen. Dafür musste sie Hausdurchsuchungen hinnehmen.
Amalie Struve (1824—1862) nahm am „Heckerzug“ und Struves Aufstand teil. In den Badischen Revolutionskämpfen an der Seite ihres Ehemanns trug sie gelegentlich Männerkleidung. Weil sie andere Frauen überreden wollte, an der Revolution teilzunehmen, musste sie für einige Monate ins Gefängnis. Mit ihrem Ehemann Gustav ging sie später ins Exil in die USA, wo sie nach der Geburt ihres Kindes starb. Ihre Erinnerungen an die Freiheitskämpfe sind 1850 in Hamburg veröffentlicht worden.
Emma Herwegh (1817-1904) vermittelte zwischen den badischen Revolutionskämpfern und der von ihrem Ehemann Georg in Paris aufgestellten Hilfstruppe. Friedrich Hecker lehnte die Unterstützung ab. Nach der Niederlage emigrierten Emma und Georg Herwegh in die Schweiz. Auch sie schrieb über ihre Kriegserlebnisse. Sie starb in Paris und wurde in der Schweiz beerdigt.

Das Frankfurter Parlament

Während Hecker und Struve in Baden die Revolutionskämpfe führten, tagte das Parlament weiter in Frankfurt. Wolfgang Schieder schrieb, dass die Nationalversammlung unter größten inneren und äußeren Schwierigkeiten nach langen Verhandlungen die erste gesamtdeutsche Verfassung schuf. Das Kernstück bildeten die Grundrechte. Der preußische König sollte zum Kaiser der Deutschen gewählt werden. Der aber lehnte die Krone aus der Hand der revolutionären Bürger ab.
Der Kongress aber wollte sich nicht sofort geschlagen geben und rief dazu auf, die Reichsverfassung dennoch durchzusetzen. Zwei Monate lang kämpften sie, bis sie vom preußischen Heer besiegt wurden.
Die Revolution war nicht nur am Widerstand der Offiziere und Beamten gescheitert, sondern auch an der inneren Schwäche der Bevölkerung, die den Sieg der Konservativen akzeptierte.

Gedanken zum Schluss

Die Revolution von 1848 brachte zwar keine klare Wende auf dem Weg in die Demokratie, aber die einmal proklamierten allgemeinen Menschenrechte und ihr Wissen darum konnten nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Weimarer Verfassung von 1919 fanden sie ihren Niederschlag. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen wurde 1948 ins Grundgesetz geschrieben.

Literatur und Links

Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Band 7.Stuttgart 1997.
James, Barbara, Walter Moßmann. Glasbruch 1848. Darmstadt 1983.
Wendepunkte deutscher Geschichte. Carola Stern u. Heinrich A. Winkler. Hrsg. Darin: Wolfgang Schieder. 1848/49:Die ungewollte Revolution. Frankfurt 2009.

Friedrich Hecker

Gustav Struve und Frauen

Frankfurter Nationalversammlung


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