Zeit in anderen Kulturen

von Dietrich Bösenberg

Zeit haben – Zeit vertreiben – Zeit managen – das sind nur einige Begriffe aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch und  sie charakterisieren unser westlich – abendländisches Verständnis von Zeit.

Was ist Zeit?

Zeit ist etwas Verfügbares, das wir in unserem Lebensablauf aktiv „managen“ müssen, womit wir gleichzeitig in ein „Gerüst“  eingebunden sind. – Dass das jedoch nicht überall in der Welt gleich ist, sondern in anderen Kontinenten und Kulturen andere, faszinierende Zeitkonzeptionen existieren, hat die Forschung festgestellt.
Aus den Arbeitsergebnissen der Forscherin Prof. Dr. Ina Rösing, die sich in jahrelangen Studien intensiv mit dieser Materie beschäftigt hat, sollen hier einige Beispiele vorgestellt werden. Grundlage ist ein Vortrag, den sie im Jahre 1999 bei einer Veranstaltung des ZAWiW der Universität Ulm gehalten hat. (s.u.)

Andine Zeit

Gemeint ist das Zeitverständnis der in den südamerikanischen Anden lebenden Indianervölker der Quechua und Aymara. Für Zeit und Raum gibt es in ihrer Sprache nur ein Wort pacha. Darin drückt sich einerseits die Einheit der beiden Begriffe aus und darüber hinaus werden auch bestimmte Orte und bestimmte, definierte Zeiten, aber auch Bewegung, Geschwindigkeit bezeichnet.

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Eine wohl einmalige Besonderheit liegt darin, dass für die Menschen dieser Völker die Vergangenheit vorn und die Zukunft hinten liegtDies wird in Skizze 1 verdeutlicht: die Aymara verstehen die Zeit vom Auge her, d.h. die Person blickt auf die ihr bekannte Vergangenheit - z. B. die eigenen Ahnen - nach vorne, da die Augen vorne liegen. Dagegen liegt die unbekannte Zukunft hinten, wo man keine Augen hat. Dieses Verständnis spiegelt sich auch sprachlich wieder, da das Wort für vorne nawpa – auch vergangen bedeutet und umgekehrt hintenqhepa - zukünftig.
Im Gegensatz dazu ist unser westlicher Zeitbegriff von der Bewegung her verstanden, gleichsam fließend, von der Vergangenheit zur Zukunft. (Skizze 2).

Volk der Tiv in Nigeria

Dieses westafrikanische Volk unterscheidet Ereignissequenzen. Beispiel: (Zitat) Erst ist mein Sohn geboren, dann war eine Überschwemmung, dann kam… Diese Aufzählung ist jedoch nicht chronologisch zu verstehen, sondern einfach als Nennung der Ereignisse. Andererseits existieren doch Zeitzyklen, die mit dem Alltag der Menschen zusammenhängen. Man hat einen 5-Tageszyklus, dessen Tage nach
den jeweils besuchten Märkten benannt sind. Ausserdem gibt es „Monde“ und auch längere Perioden, die von Trockenzeit zu Trockenzeit gezählt werden. Die Anzahl 5-Tageszyklen pro Mond und die Zahl der Monde zwischen Trockenzeiten ist aber nicht einheitlich.

Bali

Auf Bali ist die Zeit zyklisch. Es gibt Zyklen von 10 Tagen, 9, 8, 7 bis 1 Tag. Jeder Tag hat in jedem Zyklus seinen eigenen Namen, daraus ergeben sich 10 Namen pro Tag.  Die Zyklen sind aufeinander abgestimmt, so dass aus der Kombination aller Varianten ermittelt werden kann, was an einem bestimmten Tag getan werden darf oder soll. Aus praktischen Gründen wird vor allem der 5-, 6- und 7-Tagezyklus verwendet. Daraus ergibt sich ein Rhythmus von 30, 35, 42 und 210 Tagen.

Indien

Ein anderes Beispiel bietet der Hinduismus.
In der Hindu-Sprache existiert nur ein einziges Wort für gestern und heute und vorgestern und übermorgen.(kal). Man kennt also nur Heute und Nicht-Heute.
Im hinduistischen Zeitverständnis ist die Festlegung des genauen Termins für ein Vorhaben und seine Dauer nicht wichtig. Die Ermittlung des geeigneten Zeitpunkts für eine beabsichtigte Unternehmung, sei es für persönliche Vorhaben oder bei religiösen oder familiären Festlichkeiten spielt eine zentrale Rolle. Dazu ist es unerlässlich, den Kalender zu befragen, der die kosmische (Sonne/Mond), mythische und religiöse Zeit kombiniert. Von Bedeutung ist demnach weniger der quantitative als der qualitative Zeit-Aspekt.

Die hier nur kurz vorgestellten Zeit-Modelle geben einen spannenden Einblick in andere Kulturen. Sie können Denkanstösse für den Menschen unseres von immer noch zunehmender Beschleunigung beherrschten Kulturraumes bieten .

Verwendete Literatur

Rösing, I. (1999), Fremde Konzepte von Zeit, fremde Konzepte von Raum. Ein Beitrag zum transkulturellen Vergleich. Beiträge zur allgemeinen wissenschaftlichen Weiterbildung, Band 8, ZAWiW der Universität Ulm, Kleine Verlag, Bielefeld.

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Die Graphiken entstammen der o.g. Quelle, die Verwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber sowie des Verlages www.kleine-verlag.de

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