Dem Phänomen der Zeit auf der Spur

von Horst Glameyer

Was ist Zeit? Manchmal haben wir Zeit, dann wieder haben wir keine Zeit, und schließlich ist es höchste Zeit, etwas zu erledigen. Geistes- und Naturwissenschaftler wie Theologen und Dichter versuchen seit der Antike bis heute, das Wesen der Zeit zu erforschen.

Die unsichtbare Zeit

Wir unterscheiden zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, können aber aus der Gegenwart körperlich keinen Schritt zurück in die Vergangenheit noch einen Schritt voraus in die Zukunft machen. Nur gedanklich entkommen wir der Gegenwart. Wir erinnern uns längst vergangener Ereignisse, als erlebten wir sie noch einmal. Für die Zukunft entwerfen wir Pläne, ohne zu wissen, ob sie sich verwirklichen werden. Dabei gleiten wir unaufhaltsam in der Gegenwart von der Vergangenheit in die Zukunft, ohne die Zeit selbst wahrzunehmen. Nur an den Veränderungen in uns und in unserer Umgebung erkennen wir sie. Mit Hilfe von Uhren und anderen Hilfsmitteln lässt sie sich messen und sich ihr Fortschreiten sichtbar machen. Doch sie selbst bleibt unsichtbar. Ist die Zeit vielleicht in unserem Kopf, wie neuerdings Hirnforscher und Psychologen vermuten?

„Die Zeit entsteht im Kopf“

So lautet die Überschrift eines sehr informativen Artikels von Ulrike Küchler, der in einem Seminar der Universität Tübingen entstand. Er wurde bei „In.Put ← Wissen für junge Köpfe“ im Internet veröffentlicht. Darin behandelt die Autorin Erkenntnisse und Überlegungen der Psychologieprofessoren Ernst Pöppel und Rolf Ulrich zum Wesen der Zeit und ihren Erscheinungen. Unter anderem geht sie auf subjektives Zeiterleben, Sprachwahrnehmung, die innere Uhr sowie auf das Problem ein, dass wir über die Zeit mit einem Gehirn nachdenken, das selber Zeit empfindet.

„Woher kommt die Zeit?“

fragt Ulrike Küchler am Anfang ihres Artikels und zitiert den Kirchenvater Augustinus (354–430 n. Chr.), der meinte „Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat, und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen.“ Im Gegensatz zu ihm sehen manche Psychologen den Ursprung der Zeit im Anbeginn des Lebens. Danach schreitet die Zeit in umgekehrter Richtung, nämlich in die Zukunft voran. Außerdem sind sie der Ansicht, dass die subjektive Gegenwart eine, wenn auch sehr geringe, Dauer hat.
[Hinweis: Der Artikel ist im Internet nur unter Angabe der Überschrift „Die Zeit entsteht im Kopf“ in einer Suchmaschine zu öffnen.]

Geschichte der Zeitberechnung: Kalender

Schon im 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung führte die Beobachtung der Gestirne in Ägypten zur Entwicklung eines ersten Mond- oder Sonnenkalenders. Die Zeitrechnung der Maya begann etwa 1000 Jahre später.
Kalender halfen den sesshaft gewordenen Menschen, die richtige Zeit für die Aussaat und Ernte von Getreide und Gemüse zu bestimmen.
Julianischer und Gregorianischer Kalender
Allerdings mussten die Kalender immer wieder korrigiert werden; weil sie nicht genau mit dem Umlauf der Sonne um die Erde übereinstimmten. Man behalf sich deshalb mit Schaltjahren. Eine solche Korrektur nahm Julius Cäsar in dem nach ihm benannten Kalender vor, der im Jahre 45 oder 46 v. Chr. im Römischen Reich in Kraft trat.
Bereits der angelsächsische Theologe Beda Venerabilis (672/673-735) hatte im frühen Mittelalter den Beginn der christlichen Zeitrechnung auf das Jahr „Null“ als das Geburtsjahr Jesu Christi gelegt und für den Anfang der Welt den 18. März 3952 v. Chr. aus Angaben der Bibel berechnet.
Das Julianische Jahr war aber ca. 11 Minuten länger als die Sonne zur Umrundung der Erde braucht. Im Laufe der Jahrhunderte führte das zu erheblichen kalendarischen Abweichungen. Papst Gregor XIII. sorgte deshalb 1582 mit dem nach ihm benannten „Gregorianischen Kalender“ für eine nachhaltige Kalenderreform, die noch heute Bestand hat.

Geschichte der Zeitberechnung: Uhren

Sonnenuhren waren schon in der Antike bekannt, doch ihre Zeitangaben bei Tage vom Wetter abhängig und deswegen nur beschränkt ablesbar.
Im frühen Mittelalter prägten Kirche und Klöster die Zeit. Wasseruhren halfen in den Klöstern, die Stunden für das Chorgebet und andere Verrichtungen bei Tage und Nacht zu bestimmen.
Zeit wurde dank weiter entwickelter Uhren im weltlichen Bereich zu einem Ordnungsfaktor, indem man vornehmlich von Bediensteten Pünktlichkeit verlangte.
Die Erfindung mechanischer Uhren erfolgte vermutlich zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert. 1345 gliederte man die Stunde in 60 Minuten und die Minute in 60 Sekunden. Um diese Zeit sprachen Humanisten schon vom „Zeitdruck“, der bis heute anhält. Geschickte Handwerker schufen als „Uhrmacher“ in den Städten Turmuhren und kleinere mechanische Werke für den privaten Gebrauch.

Uhren in der Neuzeit

Illustration

Dienten im Mittelalter Uhren als Werkzeuge zur Messung der Zeit als etwas Natürliches, von Gott Geschaffenes, so entsteht mit der Räderuhr im 16. und 17. Jahrhundert eine Maschine, die Zeit produziert. Der französische Philosoph Diderot (1713-1784) soll erklärt haben: „Die Welt ist kein Gott mehr. Sie ist eine Maschine mit ihren Rädern, Seilen, Rollen, Federn und Gewichten.“ Das trifft u. a. auf die Pendeluhr zu. Im 18. Jahrhundert gibt es bereits Uhren mit Digitalanzeige. Protestanten sehen in der „Zeitverschwendung“ eine Sünde, und Benjamin Franklin erklärt 1748: „Zeit ist Geld.“ Auf der internationalen Meridiankonferenz von 1884 wird die Universalzeitkonvention beschlossen.
Auch im 21. Jahrhundert steuert in Deutschland die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig alle Funkuhren über eine Atomuhr fern. So hat der Mensch die Zeit fest im Griff und bestimmt nach dem Bundeszeitgesetz, wann die Sommerzeit beginnt und endet.

Die Zeit in Religion und Physik

Nach christlichem Verständnis hat die Zeit einen Anfang und ein Ende. Sie begann mit Gottes Schöpfung der Welt und wird mit dem Jüngsten Tag enden. Vor der Schöpfung gab es keine Zeit. Ähnlich verhält es sich auch mit der Urknalltheorie. Vor dem Urknall existierte keine Zeit. Wie in der christlichen Religion verläuft sie auch in der herkömmlichen Physik von Anbeginn gleichmäßig linear in einer Richtung, allerdings ohne Endpunkt. In der Quantenphysik ist dagegen eine Umkehr der Zeit in die entgegengesetzte Richtung nicht auszuschließen. Auch ein kreisförmiger Zeitverlauf ist denkbar, wie Friedrich Nietzsche mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen andeutete.

Die Zeit in der Philosophie

In der Antike beschäftigte sich schon Aristoteles mit der Zeit. Um die Darstellung einer Phänomenologie der Zeit bemühten sich u. a. auch Husserl, Heidegger und Ricœur. In ihrem Buch Das Zeitdenken bei Husserl, Heidegger und Ricœur. macht Inga Römer auf Ricœurs Buch Zeit und Erzählung aufmerksam. Darin schreibt er, es gebe drei prinzipielle Hauptaporien (Aporie = Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen): „Die objektive und subjektive Zeit scheinen erstens unvereinbar, aber doch aufeinander angewiesen zu sein; zweitens sei die Rede von einer einheitlichen Zeit gegenüber der Pluralität von verschiedenen Zeitperspektiven und Zeitsequenzen nicht nachvollziehbar; die dritte und vielleicht stärkste Aporie bezieht sich letztlich auf die Unerforschlichkeit des Ursprungs der Zeit.“ Mithin bleibt das Phänomen der Zeit aus philosophischer Sicht ein unlösbares Rätsel.

Die Lebenslinie des Menschen

Wolkengold – Das etwas andere Magazin  Auf 15 Seiten wird in diesem Artikel der Frage nachgegangen, ob das Leben des Menschen von der Zeugung und Geburt bis zum Lebensende in einer Linie oder in einem Kreis verläuft. Dabei werden die verschiedenen Stationen im Leben des Menschen berührt sowie die subjektive Wahrnehmung der Zeitdehnung und Zeitschrumpfung.

Entschleunigung der Zeit

In einer Zeit, in der infolge ihrer steten Beschleunigung der Zeitdruck wächst, unter dem immer mehr Menschen leiden, gründete 1990 Prof. Dr. Heintel aus Klagenfurt den VEREIN ZUR VERZÖGERUNG DER ZEIT. In den Vereinsstatuten heißt es u. a.: „Die Mitglieder im VEREIN ZUR VERZÖGERUNG DER ZEIT verpflichten sich zum Innehalten, zur Aufforderung zum Nachdenken dort, wo blinder Aktionismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produziert“. Der Verein hat Verbindungen zur Alpen – Adria Universität Klagenfurt.

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