Zeitzeugen des 2. Weltkrieges

von Roma Szczocarz
Geschichte lebt durch Geschichten, durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse der Zeitzeugen.
„ Es ehrt unsere Zeit, dass sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben“ von Albert Camus.

Zweiter Weltkrieg (1939- 1945) aus Sicht der Zeitzeugen.

„ Als Zeitzeugen bezeichnet man eine Person, die einen historischen Vorgang selbst miterlebt hat“. Die Geschichtswissenschaft sieht Zeitzeugen, beispielsweise des 2. Weltkrieges, als eine Art von historischen Quellen an, für mich sind sie die Menschen, die traumatische Zeiten überlebten.
Die besondere Gruppe der Zeitzeugen des 2. Weltkrieges sind die Menschen, die damals Kinder waren und deren Leben durch diese schlimme Zeit geprägt wurde.
An den Kriegserinnerungen meiner beiden Protagonistinnen,
Frau Basia, die ehemalige Zwangsarbeiterin, die heutzutage als Freiwillige bei der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ tätig ist und der Dichterin Batsheva Dagan, geboren in Lodz, die den Holocaust überlebte, stelle ich die Schicksale von Opfern des Krieges dar.
Fotogalerie

„Geschichte bekommt ein Gesicht“

Frau Basia
Bei Kriegsbeginn war sie ein 12-jähriges Mädchen und besuchte die Lodzer Grundschule. Sie wurde mit vielen anderen Kindern 1942 aus Lodz deportiert und arbeitete als Zwangsarbeiterin bei Hamburg (Pinneberg), der Ort heißt Uetersen. Ihr Kriegsschicksal war ungewöhnlich. Frau Basia wurde auf der Lodzer Strasse, als sie unterwegs in die Schule war, festgenommen. Sie wurde mit Anderen vom Kaliski Bahnhof in Lodz nach Hamburg und weiter nach Pinneberg geschickt. Dort war ein Lager für die neu angekommenen Zwangsarbeiter. Von da kam sie nach Uetensen und arbeitete bis Kriegsende- in der Rosenschule. Die Arbeit war schwer, außerdem hat sie unter Einsamkeit, Heimweh, Elend gelitten. Die schreckliche Zeit überlebte sie dank ihrer lieben Familie. Die Eltern schickten ihr Briefe, Päckchen, überhaupt Nachrichten und  Lebenszeichen. Während der letzten Kriegstage erlebte sie zahlreiche Bombardierungen, die sie in der Rosenhecke versteckt, überlebt hat.

Nach Kriegsende

Frau Basia am Sitz der Stiftung
Frau Basia am Sitz der Stiftung

Nach Kriegsende blieb sie ein Jahr in Lübeck, weil sie mit den anderen Deportierten auf das Transportschiff warten musste. In Lübeck gab es ein Durchgangslager, das unter anderem auch eine pädagogische Schule hatte, die meine Protagonistin besuchte. Ihre Erwartungen haben sich 1946 erfüllt, sie wurde nach Polen „deportiert“. 
Bisher zitterte ihre Stimme hörbar, als sie sich an ihre Zwangsarbeitszeit erinnerte. Frau Basia, die als Freiwillige bei der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ tätig ist, nimmt oft an den zahlreichen Projekten teil. Im Rahmen dieser Projekte können die Schüler die komplizierten, individuellen Schicksale konkreter Menschen kennen lernen. Nach ihrer Meinung soll die persönliche, respektvolle Darstellung der Kriegserinnerungen Brücken zwischen den Generationen bauen und mentale Barrieren beseitigen.
„ Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“ sagt Ingeborg Bachmann.
Zitat von I. Bachmann:

„Gesegnet sei die Phantasie - verflucht sei sie!“ von Batsheva Dagan

Das Interview mit Batsheva Dagan:
Die Zeitzeugin Batsheva Dagan wurde 1925 als Izabella Rubinstein in Lodz geboren.
Vor den Nationalsozialisten konnte sie zunächst mit gefälschten Papieren aus dem Ghetto in Radom nach Deutschland fliehen. Sie landete bei einer Familie, überzeugten Nazis, in Schwerin. Die Gestapo fand sie im Mai 1943 und deportierte sie nach Auschwitz. Da bekam Batsheva ihre Häftlingsnummer eintätowiert. Sie musste Schwerstarbeit leisten und hat gehungert. „Es gab einen kleinen Laib Brot für vier Häftlinge und Brot war Leben“ erzählte die Dichterin. Andere Episoden aus der Hölle der Todesfabrik sind unglaublich:
Batsheva hat mit 7 Freundinnen Französisch gelernt, und es war ihr Ziel, gut Französisch zu sprechen. Schon damals hat sie Gedichte und Lieder  geschrieben.

Batshevas Werke

Beispielweise das Buchenwald Lied:
„Nun halt Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut, denn wir haben den Willen zum Leben im Blut und im Herzen, im Herzen den Glauben. Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist.“
Nach der Befreiung im Mai 1945 wanderte sie nach Israel aus. Ihre lieben Eltern und fünf ihrer Geschwister haben den Holocaust nicht überlebt.
Batsheva Dagan ist Psychologin, Pädagogin und Dichterin. Sie realisierte eine psycho-pädagogische Methode, die das Thema Holocaust den Kindern vermitteln hilft, beispielsweise mit dem Buch „Chika, die Hündin im Ghetto“. Wie andere Holocaust-Opfer nimmt sie an den zahlreichen Schüler-Projekten teil. Bei diesen Treffen sagt sie:
„ Fragt heute, morgen ist das schon Geschichte“.
Ihre Gedichte und andere poetische Zeugnisse, sowie Lieder aus dem Konzentrationslager sollen ihr die Distanz nehmen aber auch sie der jungen Generation verständlich machen.

Schlussfolgerung

Ein kurzes Lied von der Zeitzeugin Batsheva Dagan:
Wer ist in diesem Bild?
Ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen.
Der Junge ist traurig, das Mädchen ist traurig.
Warum? Wer hat die Antwort?
Da gibt es keine Mutter, keinen Vater,
keine Oma und keinen Opa.
Warum sind sie nicht bei den Kindern?
Warum sind sie nicht zusammen?
Der Junge ist traurig, das Mädchen ist traurig.
Warum? Habt Ihr eine Antwort?

Kommentar von uwe Bartholl |

Roma, ich habe als Kind und Jugendlicher Hitlerzeit und Krieg erlebt. Durch Deinen Artikel wird mir wieder bewusst, wie sehr die Kriegsschicksale unsere Biographien durchziehen. Diese Zeit bleibt in der Erinnerung gegenwärtig. Deshalb darf die Erinnerung nicht sterben, weil sonst die Angst vor dem Krieg stirbt.

Kommentar von Pan |

Ja, liebe Roma, es ist schon eine schwierige Sache, das Leben dieser Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen und bitteren Erlebnissen nachzuvollziehen!
Ich sage das aus eigener Erfahrung, war ich doch bei Kriegsende 11 Jahre alt, indoktriniert von
Menschen, die eine subjektive Meinung nicht zuließen.
Kann man diesen Kindern, die nichts anderes kannten als dieses nationalsozialistische Weltbild,
dafür einen Vorwurf machen??
Wir Kinder dieser Zeit hatten keinerlei Möglichkeiten, alternative Eindrücke kennenzulernen. Und wenn wir- bzw. in diesem Falle ICH die inhumane Vorgehensweise der Machthaber erfuhren oder auch sahen(!), wurden sofort Repressalien angedroht und auch ausgeführt.---
Dann kam der Zusammenbruch eines Staates, der unmenschlicher nicht sein konnte. Und nun?
Ja- und plötzlich, sozusagen innerhalb von Tagen, war alles falsch, was wir gelernt, woraufhin wir gedrillt waren! Können Sie sich vorstellen, dass dies auch furchtbar für die Betroffenen war?
Plötzlich allen Halt zu verlieren, Eltern auf der Flucht aus dem Osten verloren, nichts mehr, an das wir glauben konnten, das kann genau so schlimm für einen jungen Menschen sein, wie der Tod selbst, denn der kann noch tröstlich sein.
Dies möchte ich zu Bedenken geben, wenn von Opfern gesprochen wird. Es gibt auch Opfer, die seinerzeit psychisch zu Grunde gegangen sind, nur für diese gibt es keine Zeitzeugen und keine Nachrufe...
Pan~

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