Winterreisen eine Gegenüberstellung

von Erdmute Dietmann-Beckert

Reisen im Winter sind mit Gefahren verbunden. Die drei Reisen, über die ich hier schreibe, sind Wanderungen, über denen eine gewisse Melancholie liegt. Sie ereigneten sich nicht auf den großen Straßen der Welt, sondern in der Literatur.

Die Autoren

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Wilhelm Müller wurde 1794 in Dessau, geboren. Er studierte Philosophie und Geschichte und beteiligte sich 1813 an den Freiheitskämpfen gegen Napoleon. Eine Reise nach Ägypten musste er abbrechen, weil in Südeuropa die Pest ausgebrochen war. Deshalb blieb er einige Monate in Italien. Zurück in Dessau, lehrte er als Gymnasiallehrer Griechisch und Latein. Er starb 1827 während einer Reise nach Süddeutschland. Zu seinem literarischen Werk gehören Lieder und Gedichte, darunter der Zyklus Winterreise.
Franz Schubert wurde 1797 in Wien geboren, dort ist er auch 1828 gestorben. Den ersten Musikunterricht erteilte ihm sein Vater. Bereits mit 16 Jahren komponierte er seine 1.Symphonie D-Dur. Den Beruf eines Lehrers gab er zugunsten seiner Musik auf. Er schrieb Theatermusik und Messen für den Gottesdienst, doch seinen Lebensunterhalt konnte er nur bedingt sichern Seine Lieder fanden eine gewisse Anerkennung. Die Musik zum Gedichtzyklus Winterreise von Wilhelm Müller, entstand 1827.

Die Autorin

Foto Ghuensberg, Lizenz by-sa
Foto Ghuensberg, Lizenz by-sa

Knapp 200 Jahre später hat sich Elfriede Jelinek auf die Winterreise begeben. Jelinek wurde in Österreich geboren. Heute lebt sie in Wien und München. In diesem Jahr wird sie 66 Jahre alt. Für ihr literarisches Werk erhielt die Autorin mehrere Preise, darunter 2004 als erste Österreicherin den Nobelpreis für Literatur. Die Winterreise veröffentlichte Jelinek 2011. Im gleichen Jahr wurde sie mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Im Klappentext der 1. Auflage heißt es: „Einer musikalischen Engführung gleich, ruft Winterreise in beeindruckender Klarheit und fast unheimlicher Dichte noch einmal die Themen auf, die Elfriede Jelinek in den letzten Jahren und Jahrzehnten beschäftigt haben.“

Der Liederzyklus Winterreise

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In der Winterreise schickt Müller sein literarisches Ich mitten in der Nacht auf Wanderschaft. Begleitet vom Heulen der Hunde schleicht sich der Wanderer davon. Er will nicht stören. Schnee ist gefallen und hat die Blumen zugedeckt. Der Lindenbaum ruft freudige Erinnerungen wach, doch der Wanderer kann nicht bleiben. Müde geworden möchte er ausruhen, aber die Hähne zerstören seine Träume von „Lieb und Liebe“. Er ist einsam und meidet die belebten Wege. Das Wirtshaus, wo er einkehren und ausruhen möchte, liegt auf dem Totenacker. Dennoch fasst er wieder Mut, denn: „Klagen ist für Toren“. Schließlich trifft er den Leiermann, der barfuß auf dem Eis steht. Wird das Eis halten und soll der Wanderer bei ihm bleiben?

Die Musik

Robert Schubert vertonte die Winterreise ein Jahr vor seinem Tod. Die meisten Lieder erklingen in Moll, nur wenige sind in Dur gesetzt. Zu denen gehören Der Lindenbaum und Frühlingstraum. Im ersten Gedicht „Gute Nacht“ wird die Melodie mit den Strophen wiederholt. Die folgenden Gedichte sind durchkomponierte Kunstlieder. Schubert gilt als einer der Hauptvertreter des Kunstlieds in der Romantik. Mit seiner Musik unterstreicht er den melancholischen Grundton der Texte. Der Lindenbaum ist ein Volkslied geworden.
Bekannte Interpreten sind Dietrich Fischer-Dieskau, geboren 1925, Hermann Prey, geboren 1929 und Thomas Quasthoff Jahrgang 1959.

Die Prosa

Elfriede Jelinek bezeichnet die acht Kapitel ihres Texts als „Ein Theaterstück“, aber ihre „Winterreise“ hat nicht die Form eines solchen. Es ist eine Art Monolog: Im zweiten Kapitel sieht sich der Leser angesprochen: „Haben Sie gehört, ...“. Im sechsten ist das eigene Herz die Adresse. Wilhelm Müller beendet mit „Mein Herz?“ die Strophen seines Gedichts Die Post, drei Mal als Frage, einmal als Ausruf: „Mein Herz!“. Im Übrigen folgt Jelinek, wie es im Klappentext des Bändchens heißt, „den Spuren des Wanderers aus Franz Schuberts Winterreise“ und baut Wörter oder Sätze aus den Gedichten in ihren Text ein.
Es sind die Verb-Reihen, Seite 65, und die vielen Wortfelder, die mir gefallen. Hier ein Beispiel: Der (Weg)Weiser, der Weise, verweisen-verwiesen. (Kapitel Sieben) Weiter habe ich Redensarten entdeckt: „...diese Decke, nach der sie sich streckt...“. Seite 49. Dahinter steckt: „sich nach der Decke strecken“, soll übertragen heißen: „mit dem Geld zurechtkommen, das man hat.“

Jelineks Themen

Sie reflektiert über die Flüchtigkeit der Zeit und sie erwähnt die KZ-Verbrechen. Seite 53. Sie greift gesellschaftliche Probleme auf: die Umwelt, Seite 48, die Fremdenfeindlichkeit in unseren Ländern, Seite 52, das Älterwerden der heutigen Menschen und Krankheiten, wie Demenz, sowie die Unterbringung in Pflegeheimen, beziehungsweise im “irren Haus“. Seite 97.
Auch Meldungen, die die Öffentlichkeit beschäftigt haben, werden thematisiert: Die zehnjährige Gefangenschaft eines Kindes, das im Verlies eine junge Frau wurde. Seite 37. Oder der Fall des Thüringers Althaus, der einen Unfall auf der Skipiste verursachte, bei dem eine Frau ums Leben kam. Seite 53.
Immer wieder spricht sie indirekt von sich selbst. Sehr deutlich wird es im letzten Kapitel. Hier wird Der Leiermann für sie der Spiegel ihrer eigenen Situation als Autorin: „...da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. ...Keiner hört mir mehr zu...mein Leiern,...mein Geleiere... Sie haben es mir ja oft genug gesagt, aber ich kann halt nichts anderes“, Seite117.

Mein Kommentar

Wilhelm Müller und Franz Schubert haben ihre Werke relativ kurz vor ihrem eigenen Tod fertig gestellt. Beide werden der Spätromantik zugerechnet, in der Sehnsucht und Melancholie als Grundstimmung in die Literatur eingingen. Müllers Zyklus Winterreise ist dafür ein Beispiel. Am Ende steht die Frage, ob der Wanderer den Leiermann auf dem Eis begleiten soll. Ob sich Schubert in einer ähnlichen Situation gesehen hat? Ungewissheit und Missachtung haben sein Leben begleitet. Erst nach seinem Tod wurden seine Werke anerkannt. Müller hat vor allem in den Gedichten, die zu Liedern wurden, überlebt.
Elfriede Jelinek veröffentlichte ihren Text im letzten Jahr. Sie versteckt darin ebenfalls ein Stück Melancholie. Die Themen, die sie aufgreift, gehören zu den Problemen unserer Zeit. Für ihr Gesamtwerk hat sie wohl mehrfach Preise erhalten, mit dem Nobelpreis den höchsten, aber sie wird nicht gefeiert. Als ich das Bändchen Winterreise kaufte, war der Kommentar des Buchhändlers ein mitleidiges Kopfschütteln.
Ein Titel, drei Werke. Gibt es ein Gemeinsames? Ich denke ja. Es ist die Stimmung. Die hat mich angesprochen.

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