Reisewege eines kleinen Zweiges

von Elisabeth Grupp

Jedes Jahr kommen Lehrlinge, heute nennt man sie Auszubildende, einen Tag in einen Meisterbetrieb des Gartenbaus, um ihr Können unter Beweis zu stellen. Eine anwesende Prüfungskommission nimmt die Prüfung ab und ist für die Benotung der Azubis maßgebend.

Anfang

Zur Prüfung gehören u. a. Kenntnisse aller Pflanzen und Gehölze, die in einer Baumschule vorkommen. Nummerierte Pflanzenteile liegen bereit und werden durch die Prüflinge nach botanischem und deutschem Namen bestimmt mithilfe der Farbe, Gestalt, Geruchs und des Wuchses. Am Ende so eines Prüfungstages nahm mein Mann, der die Prüfung staatlicherseits begleitete, einen kleinen Zweig von einer Blaufichte mit nach Hause.

Herrenberg

Von Stuttgart nach Herrenberg, am Rande des Schönbuch gelegen, begann die erste Reisestrecke dieses kleinen Zweiges. Auf ein Tannenbäumchen veredelt durfte das Pflänzchen sich entwickeln, umsorgt mit allem, was es zum Wachsen benötigte. Schon bald zeigten sich die ersten Seitentriebe. Vom Fenster aus erblickte es außenstehende Bäume und sehnte sich nach deren Größe und Wuchs. Im Innern des Raumes war er von spielenden Kindern umgeben, er nahm Teil an dem Treiben der Schar und nicht selten streifte ihn ein Spielzeug. Nach und nach war er zu einem kleinen Bäumchen herangewachsen, dem es nicht an Abwechslung mangelte und der völlige familiäre Integration genießen konnte.

Draußen

Als die Topfgröße auf der Fensterbank nicht mehr ausreichte und der Frühling mit seinen warmen Sonnenstrahlen die Erde zu wärmen begann, durfte das kleine Bäumchen zu seiner ersehnten Freiheit kommen. Im Garten bei den Blumenstauden und Gräsern nahm er einen schönen Platz ein. In diesem erweiterten Raum begann sein paradiesisches Leben. Vom erwachenden Tag mit dem ersten, zaghaften rufenden Laut eines Vogels bis in die nahende Nacht erlebte er den Ablauf des Tages und vom Frühling bis zum Winter den Kreislauf des Jahres.

Umzug auf die Alb

Irgendwann reifte in unserer Familie der Entschluss, ein Eigenheim zu bauen. Wir kauften einen Bauplatz und begannen mit viel Eigenarbeit, sowie unter Mithilfe der Geschwister das Haus zu erstellen. Unsere Blaufichte trat die zweite Reise an. Sie fand 60 km entfernt am Fuße der schwäbischen Alb ein Domizil. Es muss ihr hier gut gefallen haben, denn sie entwickelte neue Triebe in einem wunderschönen Blaugrün. Vielleicht wetteiferte sie stolz mit dem Wacholder, der auf der Alb beheimatet ist. Wir haben sie an manchen Sonntagen besucht und sie ob ihrer Schönheit gelobt.

Weihnachten im Eigenheim

Nach der Fertigstellung unseres Hauses und der Einfriedung unseres Gartens fand die Fichte nach Plan einen für sie vorgesehenen Platz. Wir holten die Fichte mit einem Wurzelballen von der Alb zurück, setzten sie in einen großen Kübel, und da es kurz vor Weihnachten war, wurde sie als Weihnachtsbaum ins Haus gebracht. Noch nie zuvor gab es einen so schön geschmückten Baum. Majestätisch in voller Pracht stehend bis unter die Zimmerdecke sangen wir am Baum mit der darunter stehenden Krippe. Leider hatten wir unwissend mit dem Wurzelballen ein Ameisennest importiert. Von der Wärme aufgewacht marschierten frühmorgens die Ameisen als Heer in militärischer, disziplinierter Ordnung vom Baum zum Tisch und zurück. Nichts half und so musste der Baum am zweiten Feiertag seinen Schmuck ablegen und durfte in die Freiheit zurück.

Am festen Standort

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Sobald der Boden offen war wurde der Baum an seinen endgültigen Standort eingepflanzt. Hier durfte er wachsen und seine ihm vorgegebene Größe erreichen. Was hat er doch alles erlebt? Alles, was die Natur zu bieten hatte. Da wir unweit vom Wald entfernt wohnen, haben ihn viele Tiere besucht, Katzen, Hasen, Eichhörnchen, Vögel und Rehe. So manchem Sturm hat er standgehalten, abwechselnd mit Sonne und Regen. Er hat unsere Kinder begleitet, bis sie das Elternhaus verlassen haben. So sind wir mit ihm alt geworden.

Krönung

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Im Jahre 2007 wurden wir von der Pfarrgemeinde gefragt, ob wir nicht bereit wären, den Baum als Weihnachtsbaum für die neu renovierte Kirche zu spenden. Schweren Herzens haben wir die Zusage gegeben. An schönen lauen Abenden, wenn die Natur im Schlaf lag, saß ich oft bei ihm und habe mich mit ihm unterhalten. Ich erzählte ihm von unserem gemeinsamen Leben, aber auch von seiner zu Ende gehenden Lebensreise, wie auch vom nahenden Abschied.
Er durfte als Krönung seinen Lebenskreis an Weihnachten beschließen. In seiner ganzen Größe, geschmückt mit Sternen und vielen Lichtern, umgeben von Weihrauch, Orgelspiel und Gesang erlebte er die Heilige Nacht.

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