Die Transsibirische Eisenbahn

von Lore Wagener

Wer gern mit der Eisenbahn unterwegs ist, für den ist eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn vermutlich ein High-Light. Auf der 9287 km langen Strecke zwischen Moskau und Wladiwostok kann man in etwa 160 Stunden durch fast ganz Eurasien fahren.

20 Prozent Europa und 80 Prozent Asien

Blick aus dem Abteilfenster
Blick aus dem Abteilfenster

Weniger Bahnbegeisterte machen es lieber kombiniert. Sie legen nur einen Teil der Strecke mit der Bahn zurück und benutzen ansonsten das Flugzeug. Unser Reisehandbuch empfiehlt, einen Teil der Strecke von Moskau bis Sibirien unbedingt mit dem Zug zurückzulegen. Das sei eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich schrittweise an die fremde Kultur anzunähern und ein Gefühl für die Weiten Russlands zu bekommen. Man fährt durch vier unterschiedliche Landschaftsgebiete: Wolga-Ebene, Ural, westsibirische Steppen und ostsibirische Bergtaiga. Und es geht durch sechs Zeitzonen und durch verschiedenartige Klimagebiete, in denen zum Teil im Winter bis zu minus 50 Grad gemessen werden. Es bietet sich also ein spannendes Erlebnis, das heute alle großen Reiseveranstalter im Angebot haben.

Die Ziele der Transsib

Illustration

Aber die Transsibirische Eisenbahn, kurz „Transsib“ genannt, war von den Planern keineswegs als Touristenattraktion konzipiert. Sie sollte vielmehr die Hauptverkehrsader der asiatischen Gebiete Russlands werden und diese erschließen. Sie kreuzt die Oberläufe der 16 größten Flüsse Eurasiens und hat zahlreiche Stichbahnen zu den Rohstoff- und Industriegebieten. Entlastet wird sie seit etwa 1984 von der Baikal-Amur-Magistrale, einer etwa 500 km nördlicher verlaufenden Bahnstrecke.
Die ersten Pläne für das Projekt Transsib gab es bereits 1850. Zunächst musste die russische Eisenbahn von Moskau bis zum Ural gebaut werden. Als die Trasse 1886 den Ural erreichte, schickte der Zar drei große Expeditionen aus, um die weitere Trassenführung zu erkunden. Man entschied sich schließlich für eine 7416 km lange Trasse von Tscheljabinsk im Ural nach Wladiwostok am Pazifik. 1891 gab es dort den ersten Spatenstich.

Der Streckenbau bis 1916

Die russischen Eisenbahnprojekte blieben in staatlicher Hand. Unter dem Vorsitz des damaligen Thronfolgers wurde ein „Komitee der Sibirischen Eisenbahn“ begründet, das alle nötigen Vollmachten hatte. Es entschied über die Finanzierung und die Beschlagnahme von Grundbesitz sowie über die Dienstverpflichtung von Sträflingen, Bauern  und Soldaten für den Streckenbau. Der wurde in mehrere Bauabschnitte aufgeteilt, an denen gleichzeitig gearbeitet wurde. Oft waren mehr als 90 000 Mann am Werk. 1898 war die eingleisige Strecke bis Irkutsk fertig. Im Osten hatte man bis dahin die Strecken von Wladiwostok nach Chabarowsk sowie von Sretensk bis zum Baikalsee gebaut. Dann erwies sich das Baikalgebirge als Hindernis. Man musste eine sehr teure Umgehung bauen und den Baikalsee bis zum Herbst 1904 auf abenteuerliche Weise mit Fähren und Schlitten überbrücken. Fertig wurde die Strecke erst 1916 mit der Amur-Brücke bei Chabarowsk.

Die Auswirkungen der Transsib

Schlafwagen der Transsib
Schlafwagen der Transsib

Vor dem Bau der Transsib war die Reise nach Sibirien äußerst beschwerlich. Die alte Handelsstraße, der sogenannte Moskauer Trakt, war eine unbefestigte Naturstraße, die je nach Jahreszeit entweder schlammig oder staubig war. Es war eine Tortur, hier mit einer Droschke zu fahren oder gar zu Fuß zu gehen. Letzteres mutete man den Sträflingen zu, die sich in wahren Elendsmärschen über den Trakt in die Verbannung quälten.
Mit der Transsib wurden sowohl das Reisen als auch der Gütertransport erleichtert, Das ermöglichte endlich eine Erschließung des sibirischen Rohstoffreichtums. Entlang der Bahnstrecke entstanden viele neue Arbeitsplätze, nicht nur in der expandierenden Rohstoffgewinnung und der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft. Schon bald kamen vier Millionen Bauern aus dem westlichen Teil Russlands in die neuen Siedlungsgebiete. Außerdem konnte Russland nun mit seinen Rohstoffen am Welthandel teilnehmen und sich an seinen Ostgrenzen strategisch verbessern.

Das industrialisierte Sibirien

Am Baikalsee
Am Baikalsee

Das Transsib-Projekt war also erfolgreich. In den sibirischen Weiten hat sich seither viel getan. Große Städte, Ballungsräume und industrielle Schwerpunkte sind entstanden. Aber nun treten auch dort die bekannten ökologischen Probleme der Industrialisierung auf. Das ist auch in der Baikalregion so. Besonders in den Städten am Flusslauf der Angara gibt es Probleme. Aber unser Reisehandbuch beruhigt: „Es ist wahr, dass die Weite ihres Landes die Sibirier dazu verführt, räumlich begrenzte Schäden weniger ernst zu nehmen.“ Aber „Sibirien ist nicht eine einzige ökologische Katastrophe. Die Dimensionen dieses Landes übersteigen die europäische Vorstellungskraft. Neben den Gebieten mit schlimmsten Verschmutzungen existieren Gebiete mit der reinsten Luft, den klarsten Gebirgsbächen und einer völlig unberührten Pflanzen- und Tierwelt.“ Und so ist Sibirien – und besonders die Baikal-Region – auch touristisch erschlossen worden.

Touristik am Baikalsee

Hafen von Listwjanka
Hafen von Listwjanka

Die touristische Infrastruktur - für die natürlich die Transsib eine wichtige Attraktion ist - erschließt die landschaftlich schönen Gebiete, an denen Sibirien so reich ist, zum Beispiel die Baikal-Region. Diese ist etwa so groß wie unsere Bundesrepublik, allein der Baikalsee hat eine Ausdehnung von 636 x 80 Kilometern. Die Nordseite des Sees, die von hohen Bergen eingerahmt wird, ist nur dünn besiedelt, im Wesentlichen nur an der Trasse der Baikal-Amur-Magistrale, die dort verläuft. Anders ist es am Süd- und Westufer. Hier liegt eine reizvolle Ferienregion. Beliebt ist beispielsweise der Ort Listwjanka mit guten Unterkünften und Restaurants, in denen auch der Omul, der leckere Baikal-Fisch, serviert wird. Auch Bolschije Koty ist ein landschaftlich besonderer Ort. Hier kann man die Schönheit der Berg-Taiga erleben. Man sieht Pflanzen, die bei uns längst ausgestorben sind und beobachtet die Wildpferde, die am Wege vorbeitraben.

Irkutsk

Bahnhof von Irkutsk
Bahnhof von Irkutsk

Für die Rückfahrt muss man zum Bahnhof von Irkutsk, denn die Transsib braucht die Strecke der Umgehungs-Bahn nicht mehr.
Irkutsk liegt am Fluss Angara, hat 600 000 Einwohner und  ist die Gebietshauptstadt Ostsibiriens. Ursprünglich stand dort ein Kosakenfort. Wegen seiner verkehrsgünstigen Lage wurde es zu einem lukrativen Handelsort für die Russen. Nach der Anbindung an den Moskauer Trakt florierte der Handel noch mehr, besonders mit Pelzen, Gold, Diamanten, Seide und Tee. Seine bedeutenden kulturellen Einrichtungen – wie Universität oder Theater – verdankt Irkutsk dem Einfluss der Dekrabisten, die 1826 dorthin verbannt wurden. Seine Innenstadt, die fast nur aus Holzbauten bestand, wurde 1879 bei einem Stadtbrand zerstört. Die neue Bebauung mit zahlreichen prunkvollen Steinbauten in allen Stilarten der Gründerzeit gibt heute der Stadt ihr Gepräge. Daneben findet sich aber auch noch die berühmte russische Holzarchitektur.

Verbannungsorte

Der Om bei Omsk
Der Om bei Omsk

36 Stunden braucht man für die Fahrt mit der Transsib von Irkutsk nach Omsk, einem anderen Verbannungsort für die  Dekrabisten, den man heute den Touristen zeigt. Dort, in der großen Stadt an Irtysch und Om mit ihrer vielseitigen Kultur, fielen die Verbannten sicherlich weniger ins Gewicht als in dem kleinen Irkutsk. Sie waren eine Gruppe von adeligen Offizieren, die mit den Idealen der französischen Revolution sympathisierten. Die Gruppe verweigerte im Dezember 1825 dem gerade neu inthronisierten Zaren den Treueid und verlangte die Ausrufung einer liberalen Verfassung. Der neue Zar ließ nach dem Aufruhr fünf ihrer Wortführer erschießen und etwa 120 Protestler nach Sibirien verbannen, 11 heldenhafte Ehefrauen gingen mit in die Verbannung. Sie waren es dann, die auch in der Verbannung ihr kulturvolles Niveau pflegten und gegen das Vergessen kämpften. Andere Verbannte waren weniger privilegiert. Fjodor Dostojewski kam zum Beispiel in Ketten nach Omsk, wo er vier Jahre Arbeitslager und nochmals vier Jahre Militärdienst erdulden musste.

Jekaterinenburg

Kathedrale von Jekaterinenburg
Kathedrale von Jekaterinenburg

An der Strecke der Transsib gibt es noch viele historisch bedeutsame Orte, die man aufsuchen könnte. Nach einer 24stündigen Bahnfahrt von Omsk gen Westen erreicht man zum Beispiel Jekaterinenburg, jenen Ort, an dem die Bolschewiki im Jahre 1918 den letzten Zaren mit seiner Familie ermordeten. Zum Besucherprogram gehört hier die neue orthodoxe Kathedrale mit der Gedenkstätte für die Ermordeten. Man macht aber auch gern einen Ausflug zu dem Obelisken in der Taiga, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert. Nun ist man also wieder in Europa. Man kann von Jekaterinenburg aus direkt nach Hause fliegen. Wollte man aber der russischen Geschichte noch weiter nachspüren und vielleicht Macht und Pracht des Kreml erkunden, könnte man auch die etwa 1800 km lange „klassische“ Transsib-Strecke nach Moskau benutzen. Aber vielleicht ist man auch schon so  von Russlands Größe und dramatischer Geschichte beeindruckt. Unser Reisehandbuch hat Recht. „Die Dimensionen dieses Landes übersteigen die europäische Vorstellungskraft.“

Kommentare

Zurück

Lesen Sie ebenfalls in dieser Kategorie