Weltkulturerbe Copán

von Brigitte Nguyen-Duong

Die untergegangene Mayastadt in Honduras

Auf den Spuren der Maya

Auf meiner Reise durch Mittelamerika, im Februar 2010, war der Besuch in der untergegangenen Mayastadt ein herausragendes Erlebnis. Nicht weit nach dem Grenzübergang von Guatemala zu Honduras erreichte unsere Reisegruppe das kleine Städtchen Copán am River Copán. Wenige Kilometer östlich davon liegt die gleichnamige bedeutende Ruinenstadt der Maya, die ihre Blütezeit vom 3. bis 9. Jahrhundert hatte, eine Epoche, die auch Klassik der Maya genannt wird. Das indigene Volk besaß in dieser präkolumbischen Zeit eine hoch entwickelte Kultur.

Eine geheimnisvolle Ruhe strahlen diese Ruinen des untergegangenen Stadtstaates am frühen Morgen aus. Durch einen tropischen Hain, in dem uns bunte Papageien auf hohen trockenen Ästen begrüßen, stapfen wir in einer kleinen Gruppe unserem honduranischen Touristenführer hinterher. Wir sehen nicht viele weitere interessierte Besucher, was für eine Stätte des Weltkulturerbes ungewöhnlich ist.

Vor uns liegt eine parkähnliche Landschaft über den Resten der ehemals lebendigen Mayastadt, in der ich mir das geschäftige Leben vor über 1000 Jahren lebhaft vorstellen kann. Heute ragen nur noch die oberen Teile der Paläste und Tempel aus der Erde des flachen Tals, das von einer bewaldeten Gebirgslandschaft umgeben ist. Auf den weitläufigen Plätzen zwischen pyramiden- und trapezförmigen Bauten fällt mir eine Vielzahl von sehr gut erhaltenen Stelen auf. Die kunstvoll verzierten Stelen haben die Könige zu kalendarischen und politischen Jubiläen erstellen lassen. Wissenschaftlern ist es inzwischen gelungen, die Ornamente als Hieroglyphenschrift der Maya zu entziffern. Die ehemaligen Herrscher hatten jeweils den begabtesten Künstlern diese Stelen in Auftrag gegeben und ihre Abbildungen, Daten und die Familiengeschichte einmeißeln lassen. Durch die Entschlüsselung der Mayaschrift sind sie zu historischen Zeugnissen geworden. In dieser Epoche der Klassik lebten in Copán etwa 24.000 Menschen. Ich erfahre, dass der untergegangene Stadtstaat Copán an erster Stelle aller Mayastädte steht, was die Vielzahl der Skulpturen, Altäre und Stelen anbelangt.

Dynastiegründer der Maya von Copán

Akropolis 1

Der erste Dynastiegründer der Maya von Copán kam im 5. Jahrhundert n. C. aus der nahegelegen Stadt Tikal, um sich in diesem fruchtbaren Tal niederzulassen. Die Herrscher glaubten an eine übernatürliche Abstammung und entfalteten eine göttliche und eine weltliche Großmacht. So entwickelte sich Copán zu dieser Zeit wirtschaftlich und handelspolitisch zu einem wichtigen Machtzentrum, begünstigt durch die Nutzbarkeit der gut bewässerten Erde und der wertvollen Bodenschätze, wie Jade und Granit. Von großem Reichtum zeugen die hinterlassenen Bauten und Kunstwerke.

 

Akropolis

Akropolis 2

Das religiöse und politische Zentrum der Stadt war die Akropolis, ein weitläufiger Platz, um den sich die herrschaftlichen Gebäude gruppierten, in ihrer Anlage ein Spiegelbild der Maya-Mythologie. Auf einer nahen Anhöhe wurde dort sogar der Legende nach der Mais erschaffen.

Ballspielplatz

Ballspielplatz

Auch die Anlage des Ballspielplatzes, ein sich anschließender kleiner Platz, geht auf einen Maya-Mythos zurück, wo die ersten Ballspieler in der Unterwelt siegreich gegen die Götter kämpften.

 

Hieroglyphentreppe

Die Hieroglyphentreppe

Gegen Ende der klassischen Herrschaft entstand auf der Nordseite der Akropolis ein für die Wissenschaft sensationelles Bauwerk, die Hieroglyphentreppe. Aus der Spitze einer Stufenpyramide führen 55 Stufen auf den großen Platz der Akropolis herab auf deren Frontseiten auf 2200 Steinquadern die ganze Geschichte von Copán erzählt wird. Dieser Hieroglyphentext ist der längste bekannte in Stein gemeißelte Text in Maya-Schrift. Sie wurde im 20. Jahrhundert entziffert und enthält die berühmten Kalenderangaben der Maya. Die Spitze der Pyramide wurde im 16. Jh. allerdings durch ein Erdbeben beschädigt, so dass der Beginn der Historie etwas erraten werden musste.

Altar Q

Altar Q

Gegenüber dieser Treppe sehen wir einen quaderförmigen Altar mit künstlerisch wunderbaren menschlichen Darstellungen auf allen vier Seiten.   Der Hieroglyphentreppe ist die Aufschlüsselung zu verdanken, dass es sich dabei um alle 16 Herrscher von Copán handelt, die reich gekleidet im Schneidersitz sich einen Stab weiterreichen. Der letzte König zeigt bereits Merkmale der nächsten Dynastie eines anderen Volkes nach der Mayazeit in Copán.

Bild „Altar Q.1“ (inzwischen ins Museum auf dem Ruinengelände transferiert)

Stelen

Stele König 18Kaninchen

Entlang des Rios Copán befindet sich noch ein ganzes Netzwerk von Stelen, welche im Laufe der klassischen Zeit von verschiedenen Herrschern zu kalendarischen Höhepunkten und Jubiläen oder am Ende eines Kalenderzyklus mit zeitbezogenen Darstellungen und Inschriften aufgestellt wurden.

Bild „Stele des Königs 18Kaninchen“

 

Untergang von Copán

Durch die große Bautätigkeit und geradezu verschwenderisch künstlerische Aktivität erlangte Copán eine Machtfülle, die in benachbarten Königreichen zu Neid und Missgunst führte. In einem hinterhältigen Überfall wurde der König vom benachbarten Stadtstaat gefangengenommen und geköpft.

Der nachfolgende König ließ zur Landgewinnung für die immer mehr wachsende Bevölkerung den Urwald fortlaufend abholzen. Das Holz wurde auch dringend zum Brennen der Verzierungen der Kunstwerke und zur Energieunterhaltung benötigt. Dieser gravierende Umwelteingriff führte zu einer Bodenerosion. Es wird vermutet, dass die Region für die meisten Bewohner schließlich nicht mehr lebenswert war. Die Abwanderung begann.

Archäologen bestätigten, dass die Stadt im 9. Jh. n. C. von ihren Bewohnern verlassen wurde und verfiel. Erst ab dem 19. Jahrhundert  fanden Ausgrabungen statt, und seit 1980 gehört die gesamte Ruinenstätte zum Weltkulturerbe. Die klimatischen Bedingungen verhinderten glücklicherweise, dass der Urwald die verfallenen Gebäude vollständig überwucherte.

Spätere unverhoffte Entdeckung von „Rosalila“

Rosalila

 

Unter den sichtbar gebliebenen Ruinenresten entdeckten die Forscher erst vor kurzem ein unglaubliches Höhlensystem, das sich als Gebäudekomplex früherer Epochen herausstellte. Die machtbesessenen Könige hatten die Architektur ihrer Vorfahren einfach überbaut. Unter abenteuerlichen Grabungsbedingungen entdeckte man in den Höhlen unter der Stadt der Klassik einen erstaunlichen Altar aus dem Jahr 573. Die Wissenschaftler waren begeistert von dem gut erhaltenen kleinen Tempel mit seinen leuchtenden Farben und kunstvollen plastischen Verzierungen. Sie gaben ihm den Namen“ Rosalila“ Eine Nachbildung befindet sich inzwischen im Museum unter dem Ruinengelände.

Bild „Rosalila“ Nachbildung im Museum[

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