Rübermachen

von Roland Lenke

Seit Gründung der beiden deutschen Staaten DDR und BRD 1948 verließen bis 1961 fast 2,7 Millionen DDR-Bürger ihr Arbeiter- und Bauernparadies, um im Westen, in der Bundesrepublik in Freiheit und Sicherheit leben zu können. „Rübermachen“ nannten es verharmlosend die Flüchtigen, Republikflucht hieß es offiziell in der DDR, war strafbar und manchmal lebensgefährlich. Nach dem Bau der Mauer 1961 war es immer lebensgefährlich, trotzdem hielt die „Abstimmung mit den Füssen“ an, wenn auch nur noch wenige Menschen den Weg über die Mauer schafften.

Meine Schulzeit

Obwohl ich das Privileg hatte, die 4-jährige Oberschule besuchen zu dürfen, war meine Schulzeit von den Auswirkungen des Kalten Krieges geprägt: die meisten Schüler waren meisterhafte Verstellungskünstler, die die sozialistischen Parolen und Lobeshymnen auf Lenin und Stalin verkündeten und ihr politisches Wissen aus dem heimlichen Abhören westlicher Radiosender mehr oder weniger geschickt verbargen.
Als ich 1959 das Abitur ablegte, waren die Reihen in unserer Klasse merklich gelichtet: einige Schüler waren von der Prüfung „aus politischen Gründen“ ausgeschlossen, andere hatten den Weg in die Bundesrepublik gewählt um dort Abitur zu machen.
Ich wollte Physik studieren, aber dieses Studium und der Berufswunsch waren mir in der DDR verwehrt: ich kam aus einem „bürgerlichen“ Elternhaus, wollte obendrein  den Dienst in der Nationalen Volksarmee  verweigern, aber selbst  meine Bewerbungen, mit denen ich mich zunächst „in der Produktion bewähren“ wollte, blieben unbeantwortet.
So entschloss ich mich im August 1959 schweren Herzens, Heimat und Familie zu verlassen und „rüberzumachen“.

Die Flucht

Rückblickend muss ich feststellen, dass ich unwahrscheinliches Glück hatte; der Fluchtweg sollte über Berlin erfolgen, also löste ich am Hauptbahnhof Leipzig eine Fahrkarte nach Berlin-Friedrichstrasse– dem letzten Bahnhof auf DDR-Gebiet. Die Züge und die Fahrgäste wurden streng kontrolliert und für diesen Fall hatte ich mir die Ausrede überlegt, ich führe an die Ostsee nach Rostock – dass meine Fahrkarte nach Berlin sofort auffallen musste, hatte ich nicht bedacht.
Der Zug war voll besetzt, im Abteil herrschte bedrücktes Schweigen, Waggon für Waggon wurde vor Berlin kontrolliert und ein Blick aus dem Abteilfenster verhieß nichts Gutes: Reisende, Familien mit Kindern und Gepäck wurden abgeführt; dann wurde unser Abteil kontrolliert: Fahrkarte, Ausweis, Gesichtskontrolle, ein kritischer Blick…und mit „Gute Fahrt“ waren wir erlöst.
Am Bahnhof Friedrichstrasse stieg ich aus, wechselte in die S-Bahn, die zwar unter Ost-Berliner Verwaltung stand, aber auch im Westen verkehrte. Wieder kamen DDR- Kontrolleure, die die S-Bahn aber vor Erreichen des Westberliner Gebiets verlassen mussten. Gerade noch rechtzeitig für mich. Aufatmend stieg ich an der Haltestelle „Schloss Bellevue“ aus und war im Westen.

Willkommen in der Freiheit

Ohne Geld, ohne Ortskenntnis, ohne die geringste Ahnung, wie es nun weitergehen sollte, fragte ich mich zur nächsten Polizeidienststelle durch.

Das Willkommen war ernüchternd: ich war 18 und nach bundesdeutschem Gesetz nicht volljährig; man fragte mich barsch, was ich denn hier wolle, ich solle doch besser zurück in die DDR gehen. Wieder hatte ich Glück: ich war von all der Aufregung physisch und psychisch angeschlagen und von dem Empfang so bestürzt, dass man mir dann doch offenbar aus Mitleid die Straßenbahnlinie zum Notaufnahmelager Marienfelde nannte. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben wurde ich Schwarzfahrer, denn Westgeld hatte ich natürlich nicht.
Auf dem Weg zum Lager kam ich an einem Obststand vorbei: soviel Obst, solche Früchte hatte ich noch nie gesehen und es roch verführerisch; ich hatte nach der langen Fahrt und der ganzen Aufregung Hunger und Durst und muss mit offenem Mund gestaunt haben, konnte aber nichts kaufen. Das Feixen und Achselzucken des Händlers war ein weiterer Willkommensgruß.

Lagerleben

Jetzt begann eine harte Zeit für mich und eine Odyssee durch Flüchtlingslager. Die erste Station war das Bundes-Notaufnahmelager Marienfelde, ein umzäuntes Lager mit mehreren Gebäuden; hier erfolgten die erste Erfassung der Flüchtlinge, medizinische Untersuchungen und Versorgung und Unterbringung, bevor die Flüchtlinge auf andere Lager im Bundesgebiet verteilt wurden. Diese Prozedur sah folgendes vor:

-Unterbringung in einem Zimmer mit 4 Feldbetten, Stühlen, Tisch

-Nutzung von Gemeinschaftsduschen und -toiletten

-ein zentraler Speiseraum.

 

Anhand eines Laufzettels waren unter anderem folgende Vorgänge zu erledigen:

-Gesundheitsprüfung

-Befragung nach Fluchtgründen durch bundesdeutsche Behörden

-Beantragung der Aufenthaltserlaubnis

-Abfrage durch die alliierten Geheimdienste nach Truppenbewegungen oder anderen Auffälligkeiten in der DDR

-Austeilung von Taschengeld und Essensmarken

-Transportmodalitäten für die Weiterreise

Obwohl man mich gewarnt hatte gegenüber Mitbewohnern zu redselig und vertrauensselig zu sein, denn unter den Flüchtlingen gab es DDR-Spitzel und weniger ehrliche Leute, musste ich eine bittere Erfahrung machen: ich hatte etwas DDR-Geld geschmuggelt und vertraute einem Zimmerkollegen, der es für mich in DM-West umtauschen wollte – natürlich sah ich das Geld nie wieder.

Sandbostel

Ich war heilfroh, als ich nach wenigen Tagen von Marienfelde nach Sandbostel aufbrechen sollte. Das Lager war für die Aufnahme männlicher Jugendlicher zwischen 15 und 24 Jahren bestimmt. Was ich nicht wußte: es war ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager. Der Tagesablauf war mit Arbeiten im Lager und in der Landwirtschaft streng geregelt. Ich hatte wieder einmal Glück und wurde zu Büro- und Telefondienst eingeteilt. Hier erhielt ich die Aufenthaltserlaubnis für die BRD, wenig später dann die Nachricht, dass ich nach Nordrhein-Westfalen ins nächste Lager- Stukenbrock bei Detmold, ebenfalls ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager, heute Sozialwerk Stukenbrock - weiterreisen konnte.

Wieder zur Schule

Nach weiteren Lagerstationen und Arbeit im Lager oder Feld und Wald kam ich in Wuppertal-Elberfeld endlich meinem Fluchtgrund näher: um Physik studieren zu können musste ich die bundesdeutsche Hochschulreife erlangen, denn das DDR-Abitur wurde nicht anerkannt. Der Lehrgang dauerte von November 1959 bis April 1960; unterrichtet wurden wir in den Fächern Deutsch, Geschichte, Englisch Mathematik, Geografie und Religion; die Lehrer waren teils sehr engagiert, aber andere ließen uns auch fühlen, dass wir ihrer Meinung nach aus einem miserablen Schulsystem kamen und eigentlich Banausen waren.

Integriert?

Im Sommer 1960 hatte ich endlich alle wichtigen Papiere beisammen, die ich als Bundesbürger benötigte: Das Abiturzeugnis, die Anerkennung als politischer Flüchtling und damit den  Flüchtlingsausweis C, der mir die Finanzierung meines Studiums ermöglichte, einen Wehrpass (ich wurde als Student zurückgestellt bis 1965 und danach „vergessen“) und die Immatrikulation zum Studium der Physik.

Physisch war ich wohl „angekommen“ und eingegliedert, psychisch und mental dauerte es sehr lange, und oft genug ließ man mich spüren, dass ich ein „Ossi“ war.

Nachsatz: seit der Wiedervereinigung bin ich nun umgekehrt für meine ehemaligen Landsleute der misstrauisch beäugte „Wessi“.

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