Grausame Vertreibung - gelungene Integration im 17. Jahrhundert

von Dietrich Bösenberg

Gemeint ist die Vertreibung protestantischer Familien aus Kärnten und der Steiermark im Zuge der Gegenreformation. Die Ziele der sog. Exulanten waren häufig Franken und Schwaben. Am Beispiel des kleinen oberschwäbischen Ortes Wain wird das Geschehen deutlich.

Die Rekatholisierung in Kärnten

Schon 1545 hatte die Gegenreformation begonnen, als Maßnahme der katholischen Kirche gegen die Ausbreitung der Reformation Martin Luthers. Zwar war am Ende des 30-jährigen Krieges 1648 im Friedensvertrag festgelegt worden, dass niemand zur Änderung seiner Konfession gezwungen werden darf, jedoch galt diese Regelung nicht für Altösterreich.

In Kärnten und der Steiermark hatten sich viele Bewohner – Adel, Bürger und Bauern – der Lehre Martin Luthers zugewandt. Um sie zur Rückkehr zur alten Kirche zu bewegen, waren von den habsburgischen Landesherren spezielle Kommissionen eingesetzt worden, die notfalls auch mit Gewalt und Zwang agierten. Die kategorische Forderung hieß, entweder unverzüglich den Übertritt zu vollziehen oder das Land zu verlassen.

Arriach in Kärnten

In der Kärntner Grafschaft Ortenburg wurde den Bewohnern im Januar 1651 eröffnet, dass sie bei einer Strafe von 25 Golddukaten innerhalb von vier Wochen bei den örtlichen katholischen Priestern die Beichte abzulegen und zur Kommunion zu erscheinen hatten. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen kam jedoch der Aufforderung nicht nach. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als noch im gleichen Jahr die Heimat zu verlassen.
Aus den Kärntner Ortschaften Afritz und Arriach hatten sich ab 1651 über 300 Männer, Frauen und Kinder auf den fast 500 km langen und beschwerlichen Marsch über die Alpen gemacht.
Wie viele Personen so aus Kärnten und der Steiermark auswanderten, ist nicht genau bekannt. Für ganz Altösterreich sprechen Schätzungen von 150 000 und mehr Glaubensflüchtlingen.
Die Auswanderer durften zwar ihr Vermögen behalten, mussten jedoch eine Steuer von 10 % des Wertes entrichten. Allerdings konnten sie vielfach Haus und Hof wegen der Kürze der Zeit nur weit unter Wert losschlagen.

Wain im württembergischen Oberland.

Vermutlich aufgrund schon bestehender Verbindungen steuerten die Arriacher Auswanderer die Stadt Ulm an, wo die Ankömmlinge nicht ungern aufgenommen wurden. Sie wies ihnen das zu ihrem Territorium gehörige protestantische Dorf Wain zu, das durch die Pest und als Folge des 30-jährigen Krieg stark entvölkert war. Es wird berichtet, dass von im Jahre 1617 dort lebenden Einwohnern 1650 nur noch 96 übriggeblieben waren. Viele Häuser und Höfe waren unbewohnt, das Land lag brach. Der Rat der Stadt Ulm unterstützte die Flüchtlinge bei der Ansiedelung nach Kräften, denn man versprach sich einen wirtschaftlichen Nutzen von den Neusiedlern, da z. B. dringend Holz für den Schiffbau benötigt wurde. Deshalb wurden den Ankömmlingen leerstehende Anwesen und Höfe zur Verfügung gestellt und die Abgaben bei Bedarf reduziert. Auch Existenzgründungen wurden gefördert, wie beispielsweise die Genehmigung zum Fällen und Flössen von Bäumen.

Die Integration

Das Zusammenwachsen der alten und neuen Einwohner scheint relativ glatt und reibungslos gelungen zu sein. Die Zuwanderer müssen sich in der neuen Heimat wohlgefühlt haben, denn die Kirchenbücher sprechen schon bald von Heiraten zwischen Alt- und Neubürgern. Auch zahlreiche Geburten und Sterbefälle unter den Neubürgern sind verzeichnet. Die Immigranten bauten nach „Kärntner Manier“, wie die Quellen berichten, neue Häuser und nach wenigen Jahren war wohl der Wiederaufbau des Ortes zu einer blühenden Siedlung erreicht. Nicht nur die Kirche musste erneuert werden, sondern es soll schon kurz nach der Ankunft der Exulanten ein neues Schulhaus gebaut und nach kurzer Zeit erweitert worden sein, sichere Zeichen, dass die Gemeinde florierte.
Die Namen der heutigen Einwohner von Wain lassen noch vielfach erkennen, dass die Vorfahren aus Kärnten oder der Steiermark zugewandert sind. Darunter finden sich auch Teile meiner eigenen Vorfahren.

Die Gemeinden Wain und Arriach verbindet seit vielen Jahren eine Partnerschaft,
die durch viele Begegnungen und freundschaftliche Beziehungen gepflegt wird.

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