3000 Jahre jüdische Wanderungen

von Erna Subklew

Von den vielen Völkern, die die Erde bewohnen, werden die Juden das „Wandervolk“ genannt. Schon vor der Zerstörung Jerusalems zogen Juden als Kaufleute hinaus in die Welt, nach Ägypten und in ihre Urheimat Mesopotamien. 586 vor Christi wanderten sie nach der verlorenen Schlacht gegen die Assyrer dann auch nach Babylon.

Altertum

Zunächst wanderten die Händler aus, also Einzelne oder kleinere Gruppen. Mit der Vernichtung des Reiches Israel und dem Schwund der Eigenstaatlichkeit, etwa hundert Jahre später, beim Fall von Juda im Kampf mit Babylon, kam es zu Auswanderungen größeren Ausmaßes.
Bis heute ist es nicht ungewöhnlich, dass die Besiegten in einem Krieg ihr Land verlassen müssen oder deportiert werden. So mussten auch die Juden ihre Heimaterde verlassen.
Juden machten aber auch als Söldner die Feldzüge Alexanders des Großen und der Diadochenfürsten mit und ließen sich nach Beendigung ihrer Dienstzeit im hellenistischen Reich nieder. So findet man Juden schon im Altertum in Griechenland, Kleinasien, den Mittelmeerinseln und am Schwarzen Meer. Sobald sie sesshaft geworden waren, nahmen die Auswanderer Beziehungen auf zu den im Heimatland Gebliebenen. Ihre Liebe zu Zion und ihre innere Verbundenheit mit und die Orientierung am Tempel und dem Land bedeuteten für die Ausgewanderten mehr als nur die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land.

Nach dem Fall Jerusalems

Im zweiten Jahrhundert vor Christus löste der Fall Jerusalems erneut eine Auswanderungswelle riesigen Ausmaßes aus, so wird es bei Philo (Dichter) und Strabo (Geschichtsschreiber) dokumentiert. Die damalige Welt hatte das Empfinden, dass kein Land ausreichen würde, um die vielen Menschen aufzunehmen, die ihr Land verließen. Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus finden wir jüdische Ansiedlungen in Spanien, Südrußland, China, Afrika und noch anderen Gegenden der Erde. Beim Fall des Zweiten Tempels schätzte man die im Römischen Reich lebenden Juden bereits auf viereinhalb Millionen oder achtProzent der Bevölkerung.

Mittelalter

Im Mittelalter nahm die Zahl der Juden in Europa durch Verfolgungen unterschiedlicher Art ab. Dafür zogen andere jüdische Gruppen, gemeinsam mit den Arabern, auf die Pyrenäen-Halbinsel und wurden in Spanien, Frankreich, Italien und Byzanz sesshaft. Aus den Gemeinden der Provence zogen sie dann die Rhône entlang bis zur Loire und in die Champagne. Wiederum andere Gruppen zogen mit den Normannen nach England und von Nordfrankreich an den Rhein.
Im zehnten Jahrhundert lebten Juden bereits an der Elbe, in Böhmen, Polen und im Fürstentum Kiew. Eine Gruppe stieß bis in das Chasarenreich (Kaukasus) vor. Die Herrscher dieses Reiches traten zum jüdischen Glauben über. Durch ihre Feldzüge kamen jüdische Familien bis in slawisches Gebiet und vereinigten sich dort mit aus Westeuropa einwandernden jüdischen Gruppen.

Spätmittelalter und Neuzeit

Im Spätmittelalter richtete sich die Auswanderung der Juden aufgrund der Kreuzzüge und der Vertreibung der Mauren aus Spanien und Portugal nach Osten. Diese Auswanderung war die bedeutendste nach den Wanderungen im Altertum. Die auf der Iberischen Halbinsel ansässigen Sepharden gelangten in alle europäischen Länder. Eine besonders starke Gruppe erreichte die Türkei, wo die Nachfahren noch heute das mittelalterliche Spanisch sprechen, das sie seinerzeit aus Spanien mitbrachten.
Von 1550 - 1650 gab es eine Zeit der Ruhe. Die Auswanderungen schienen beendet zu sein. Die jüdischen Einwanderer gründeten in den Ländern eigene Gemeinden, hatten vielfach eine eigene Rechtsprechung und richteten Talmudschulen ein. Dies geschah vor allem in Polen, Russland und Litauen. Polen war mit 1,5 Millionen Juden das Zentrum der Ansiedlungen. Zu dieser Zeit gab es in Palästina nur noch ungefähr 10.000 Juden. Aus dem orientalischen Volk wurde in verhältnismäßig kurzer Zeit ein westliches.

Das jüdische Volk wächst

Im 19. Jahrhundert nahm das jüdische Volk sehr stark zu. Von insgesamt drei Millionen Juden weltweit stieg die Zahl bis 1935 auf 16.140.000 Personen. In einem Zeitraum von 110 Jahren hat sich die Zahl verfünffacht. Die Bevölkerung Europas dagegen vermehrte sich im gleichen Zeitraum nur um das Zweieinhalbfache. Das jüdische Volk gilt für mich als dasjenige; das Integration und Ursprung vereinen konnte.
Welche Leiden die Juden in den Vernichtungslagern des Dritten Reiches erlitten und wie die vom Schicksal begünstigteren Menschen wieder auswanderten, sei es nach Übersee oder aber nach Palästina, dem späteren Israel, dürfte noch im Bewusstsein der meisten Menschen sein.

Wanderungen der Juden
von Mark Wischnitzer

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