Nelly Sachs - Dichterin im Exil

von Roma Szczocarz

Dreißig Jahre verbrachte Nelly Sachs, die Berliner Dichterin und Nobelpreisträgerin jüdischer Abstammung, im schwedischen Exil.

Glückliche Jugendzeit

Nelly Sachs 1910

Nelly Sachs, eigentlich Leonie Sachs, ist in der großbürgerlichen Idylle des Berliner Tiergartenviertels aufgewachsen. 1891 wurde sie als einziges Kind in die Familie des Erfinders und Fabrikanten William Sachs und seiner Frau Margarete geboren. Beide Elternteile stammten aus einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Nelly, als Mädchen, träumte davon, Tänzerin zu werden. Aber einige Jahre später begann ihre Leidenschaft für die deutsche Lyrik. Sie entdeckte die Werke der großen deutschen Dichter und Denker.

Die Wende

Als sie mit 15 Jahren Selma Lagerlöfs Debütroman „Gösta Berling“ zum Geburtstag geschenkt bekam, war sie von ihm fasziniert. Sie schickte der schwedischen Autorin eigene Gedichte. Dieser Kontakt dauerte über 35 Jahre an und spielte eine wichtige Rolle im Leben von Nelly. Selma hat die Flucht Nelly Sachs und ihrer Mutter vor den Nazis nach Schweden organisiert.

„Legenden und Erzählungen“ - erster Gedichtband

Mit 17 Jahren schrieb Nelly Sachs die ersten Gedichte, aber erst mit 30 Jahren publizierte sie ihren ersten Gedichtband unter dem Titel “Legenden und Erzählungen“. Dies war möglich mit Unterstützung Stefan Zweigs. Gegen Ende der 1920er Jahre wurden ihre Gedichte in bekannten Berliner Zeitungen publiziert. Nach der Meinung der Kritiker sind die frühen Werke stark melancholisch gefärbt und von neoromantischen Einflüssen geprägt.

Die Bedrohung kommt

Bild: Gedenktafel an der Lessingstraße in Berlin

Im Jahr 1930 hat Nelly den Vater durch eine Krebserkrankung verloren. Daher musste sie mit ihrer Mutter in ein Mietshaus in der Lessingstraße im Berliner Hansaviertel umziehen. Damit wohnten sie dort, wo es für Juden möglich und notwendig war. Gleichzeitig gab es eine weitere Katastrophe in ihrem Leben. Nelly Sachs blieb unverheiratet. Sie hatte eine Liebesbeziehung zu einem nichtjüdischen, geschiedenen Mann aus guter Familie, den sie nicht mehr heiraten konnte. Dies führte bei Nelly zu Depressionen. Einziger Ausweg war für sie die Flucht ins Schreiben.
Zur gleichen Zeit setzte sich Nelly in ihren Werken mit dem wachsenden Faschismus in Deutschland und ihrer jüdischen Herkunft, dem Chassidismus und der Kabbala auseinander. Angefangen hat die Faszination mit Martin Bubers Buch “Erzählungen der Chassidim“.

Arbeitslager oder Flucht

Dank der schwedischen Freundinnen Gudrun Harlan und Selma Lagerlöf konnte Nelly mit ihrer Mutter in letzter Minute vor den Nazis nach Schweden flüchten.
Mitte Mai 1940 erhielt Nelly Sachs den Gestellungsbefehl für ein Arbeitslager, gleichzeitig bekamen sie und ihre Mutter das schwedische Visum. Mit der Einreiseerlaubnis und dem Befehl eilte sie zur Gestapo. Der Gestapobeamte riet ihr, den Befehl zu vernichten, die Bahnkarten in Flugkarten umzutauschen, um sofort ausreisen zu können. Nelly Sachs und ihre Mutter landeten mit einer der letzten Maschinen am 16. Mai 1940 in Stockholm.

Alltag im Exil


Anders als zu Lebzeiten des Vaters, lebten in Schweden die beiden Frauen in ärmlichen Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung im Süden Stockholms.
Sie schrieb an einem kleinen, runden Holztisch in einer vier Quadratmeter großen Küchenecke. Um ihre kränkelnde Mutter nicht zu wecken, arbeitete sie zeitweise ohne Licht. Nelly Sachs kümmerte sich um ihre alte Mutter und arbeitete als Wäscherin, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Später, nachdem sie die schwedische Sprache gelernt hatte, begann sie moderne, schwedische Lyrik ins Deutsche zu übersetzen. Das eigene Verfassen entwickelte sich während der Kriegsjahre völlig weg vom früheren, romantischen Stil. Die neuen Gedichte waren geprägt von verbitterten Emotionen, besonders die Gedichte von 1943/1944, die unter dem gemeinsamen Titel “In den Wohnungen des Todes“ publiziert wurden. Ebenso die beiden Dramen “Abram im Salz“ und “Eli“. Diese Werke enthalten Bilder von Schmerz und gequältem Volk. Nelly Sachs schuf die Dichtungen unter dem Eindruck der Nachrichten aus den Konzentrationslagern. Auch die späteren Gedichte waren von der Holocaust-Thematik geprägt.

Ein grausames Schicksal


„Klagend, anklagend und verklärend“ so lautet ein Zitat von Nelly Sachs‘ Biografen Walter A. Berendsen. Selbstverständlich ist, dass ihr tragisches Schicksal die Quelle ihrer bedeutenden Werke ist. Als Anfang 1950 die Mutter von Nelly starb, fiel sie in eine schwere Depression. Und so schrieb damals die Dichterin “Meine Mutter ist gestorben. Mein Glück, meine Heimat, mein Alles“.
Endlich, 1953, erhielt die Dichterin Nelly Sachs die schwedische Staatsbürgerschaft.

Ehrungen

Im Jahr 1965 erschien ihr Lyrikband “Späte Gedichte“ und noch im selben Jahr erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Dichterin Nelly Sachs erhielt als erste Frau den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche für ihr “Werk der Vergebung, der Rettung, des Friedens“. Zitat aus der Dankesrede “Viele Begegnungen mit einzelnen deutschen Menschen sind mir unvergesslich geworden und zeigten mir, wie auf einer Sternenkarte, das Entstehen eines neuen Zeichens, daraus Hoffnung und Frieden sich wieder entwickeln können.“ An ihrem 75.Geburtstag erhielt Nelly Sachs am 10. Dezember 1966 (gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon) den Nobelpreis für Literatur aus der Hand des schwedischen Königs Gustav VI.

Ende des Lebenswegs


Nelly Sachs starb im Mai 1970 in einem Stockholmer Krankenhaus. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof in Stockholm beigesetzt.

„Wenn man einmal auf der Flucht einen Stein gestreichelt hat, weil es das erste war, worauf  man sich niederließ in einem freien Land, so hat man niemals mehr ein nahes Verhältnis zu allem, was uns nicht ganz direkt zum Dasein dient“, so schrieb Nelly Sachs in einem Brief an Dagrun Enzensberger  am 22. Januar 1959

Bild: Jüdischer Friedhof in Stockholm

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