Wege zur Versöhnung

von Hildegard Neufeld

Als einstiger Flüchtling die alte Heimat erleben, ruft natürlich Erinnerungen wach, aber auch Gedanken an die Zukunft. „Nur wenn Versöhnung geschieht, gibt es Hoffnung für die nächste Generation“, verkündete ein polnischer Pastor an einem Gedenktag für Kriegsopfer.

Meine Reise in die alte Heimat

Es begann mit einem Prospekt, vielleicht gedankenlos mitgenommen. Beim Durchblättern entdeckte ich ein besonderes Reiseangebot, eine Reise in meine alte Heimat, die ich vor drei Jahrzehnten hatte verlassen müssen.

Meine Kindheit habe ich im ehemaligen Freistaat Danzig verlebt, der nun zu Polen gehört.

Mehr als drei Jahrhunderte lang haben meine Vorfahren dort Land bebaut. Der Zweite Weltkrieg hat es ihnen genommen und sie auch daraus vertrieben.

Am 1. September 1939 erlebte ich fast aus nächster Nähe den Kriegsausbruch. Mehr als das Kampfgeschehen, das ich aus der Ferne beobachtete, beeindruckte mich die Betroffenheit meiner Eltern, die bereits einen Krieg erlebt hatten, mein Vater als junger Soldat. Mich beschäftigte eher eine sehr bald sich abzeichnende Veränderung: Aus dem Freistaat Danzig wurde wieder Deutschland und aus mir eine deutsche Staatsbürgerin. Auch die Währung wechselte. An die Stelle des Danziger Gulden trat die Reichsmark. In meinem persönlichen Leben trat zunächst keine nennenswerte Veränderung ein, aber es war Krieg, der bald immer mehr Opfer forderte.

Auf der Flucht

Nachdem der Zweite Weltkrieg mehr als fünf Jahre in den Nachbarländern gewütet und weit darüber hinaus seine Spuren hinterlassen hatte, kehrte er wieder an seinen Ausgangspunkt und nach Deutschland zurück. Im März 1945 wurde Danzig von sowjetischen Truppen erobert, und bald hieß es für mich Abschied zu nehmen, Abschied von meinen Eltern, von meiner Heimat und von Deutschland.

Zusammen mit vielen Tausend Flüchtlingen und Verwundeten erreichte ich mit einem der Schiffstransporte über die Ostsee Dänemark. Bei Kriegsschluss wurden alle in Dänemark befindlichen deutschen Flüchtlinge interniert und in streng bewachten, umzäunten Internierungslagern festgehalten, bis sich eine Ausreisemöglichkeit ergab. Diese war von einer Einreisegenehmigung der Alliierten Besatzungsmächte in Deutschland abhängig. Nach zweieinhalb Jahren Internierung erhielt ich die Einreiseerlaubnis in die Sowjetische Besatzungszone und war nun frei – wenn vorerst auch noch heimatlos.

 

Begegnung mit der Vergangenheit

Jahre vergingen, in denen ich mit festen Zukunftsvorstellungen im Gepäck von Deutschland-Ost nach Deutschland-West gewandert war. Nun hatte ich mein Ziel – den erstrebten Beruf und ein neues Zuhause – erreicht. 

Dies war meine persönliche Situation als ich meine Reise in meine alte Heimat antrat. Es war keine unbeschwerte Reise, denn, wie nicht anders zu erwarten, fuhr die Vergangenheit mit und war stets gegenwärtig, wie  auch der Schmerz um das Verlorene und die Schuldgefühle gegenüber den Menschen des Nachbarlandes, die durch den Krieg soviel erlitten hatten.

Wie würden die Polen in unserer alten Heimat uns begegnen? Würden wir Ablehnung, vielleicht sogar Anklage oder Hass erfahren?

Unsere Reise führte uns in die polnische Ferienanlage UNIMOR, nahe der Ostseeküste und der Danziger Bucht, die von einer polnischen Firma für ihre Betriebsangehörigen errichtet worden war. Etwa 180 Personen fanden hier Platz. Das deutsche Reiseunternehmen „Hummel“ hatte hier 30 Betten für deutsche Urlauber (heute  auch als Heimwehtouristen bezeichnet) gebucht. Hier verbrachten wir eine Woche lang mit polnischen Familien in einfachen Unterkünften mit gemeinsamen Mahlzeiten und Veranstaltungen.

 

Das polnische Nachbarland

Ich hatte bisher keinen persönlichen Kontakt mit unseren polnischen Nachbarn gehabt. Als ich als Kind heranwuchs, wurden sie als feindliche Nachbarn, später als Kriegsgegner und schließlich als Besiegte bezeichnet. Mit Gefühlen, wie Unrecht  und Schuld gegenüber unseren polnischen Nachbarn wurde ich erst später konfrontiert.  Das ließ sich nicht verdrängen, als die erste Begegnung mit den polnischen Feriengästen stattfand.

Die Gastfreundschaft der Polen ist weltbekannt, aber die Begrüßung, der herzliche Empfang, den die polnischen Familien den deutschen Urlaubern bereiteten, übertraf alles, was ich mir hätte vorstellen können. Junge Mütter kamen uns mit ihren Kindern entgegen, machten sie auf uns aufmerksam und reichten uns ihre Kleinkinder und Babys, damit wir sie auf den Arm nahmen. Abends fanden stets Veranstaltungen statt, zu denen die  deutschen Gäste immer eingeladen und mit einem „Tusch“ begrüßt wurden.

Gedanken zum Wandel

In den folgenden Tagen musste ich immer wieder mein „Weltbild“ zurecht rücken, es passte nichts mehr. Da lebten zwei Nationen seit Jahrhunderten nebeneinander. Zwistigkeiten, Kämpfe und Kriege haben stattgefunden, vielleicht unvermeidbar, aber auch Verflechtungen miteinander, ein Zusammenleben, ein Wechsel von hüben nach drüben. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es Angreifer und Geschlagene. Nach Jahren wechselte der Kriegserfolg zu den einstmals Unterlegenen, wenn auch nicht zum Sieg, so doch zu einer gewissen Befreiung hin. Aber was war in den vergangenen 30 Jahren daraus geworden? Wer war der tatsächlich Befreite, wer der eigentliche Gewinner? Die Antwort lag auf der Hand.

 

Erkenntnisse einer Migrantin

An einem der nächsten Tage besichtigten wir die uns einst so vertraute Stadt Danzig, die bei Kriegsende fast gänzlich zerstört und durch bewunderswerten Einsatz polnischer Arbeiter, Handwerker und Künstler neu entstanden ist. Wie viel Aufbauarbeit ist hier geleistet worden! Beim Gang durch die altbekannten Straßen fielen mir die vielen lebhaften jungen Menschen auf, die fröhlich plaudernd, aber auch lesend oder musizierend auf den Bänken und Plätzen verweilten. Dies war die hier in Danzig aufgewachsene Generation junger Polen. Danzig war ihr Zuhause, genau so wie es auch unser Zuhause gewesen ist, bevor wir es hatten verlassen müssen.

Hier wurde mir bewusst, dass Danzig nun ihre Stadt geworden ist . Eine neue Zeit, eine neue Jugend, neue Generationen haben Besitz ergriffen von den Stätten meiner Kindheit und sie mit ihrem Leben erfüllt. Und diese sind – nicht anders als einst ich – hier geboren und aufgewachsen. Sie haben hier ihre Heimat, die nun Gdansk und Polen, und nicht mehr Danzig oder Deutschland heißt, gefunden und niemand sollte sie ihnen streitig machen.

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