Listenreiches um Mahlzeiten

von Roswitha Ludwig

An vier Beispielen aus der Literatur soll gezeigt werden, dass es beim Essen um mehr als die Mahlzeit gehen kann. Dem Hungrigen ist leicht ein höherer Preis abzuringen und wer sich Vorteile verspricht, tischt gerne mehr auf.

Esau und Jakob

Zwei der Erzählungen stammen aus dem Alten Testament. Im Buch Genesis (1. Mose) wird die Geschichte der Stammväter Israels erzählt. Abrahams Sohn Isaak hatte mit seiner Frau Rebecca zwei Söhne Esau und Jakob. Diese waren eigentlich Zwillinge, Esau war aber der zuerst Geborene. Dem Erstgeborenen kommt eine bevorzugte Stellung zu, das gilt auch für die Erstlinge unter den Tieren und Pflanzen. Sie gelten als „heiliger Besitz Gottes“. Die ersten Söhne besitzen ein besonderes Erbrecht, sie führen die Sippe weiter. So üben sie auch eine Art Bestimmungsrecht über die Geschwister aus.
Die Zwillingssöhne Esau und Jakob unterschieden sich auch äußerlich. Esau war stark behaart, Jakob dagegen glatt. Während Esau die Jagd liebte und der Liebling des Vaters wurde, hielt sich Jakob eher bei den Zelten auf und wurde der Liebling Rebekkas.

Das Linsengericht

Esau kehrt müde heim. Jakob ist mit dem Kochen eines Gerichtes beschäftigt. Von diesem roten Gericht wünschte Esau zu essen. Aber Jakob spricht: „Verkaufe mir heute deine Erstgeburt.“ Esau scheint nicht viel an diesem Recht zu liegen. Er lässt sich sogar zu einem Eid bringen. Er isst dann und trinkt. „So verachtete Esau seine Erstgeburt“, merkt der biblische Erzähler an. (1. Mose 25,34 ff.)
Wer heißhungrig nach Hause kommt, kann es kaum mehr erwarten, bis er zu essen bekommt. Das kann man gut nachvollziehen. Auch für den größten Appetit ist der hier geleistete Preis zu hoch. Jakobs Forderung steht in keiner Relation zu dem Gericht. Er lässt sich den Verzicht sogar beeiden. Es scheint so, als würde das Recht der Erstgeburt von den beiden Brüdern völlig verschieden bewertet.

Betrug um den väterlichen Segen

(1. Mose 27, 1-45)
Zu dem Erstgeburtsrecht gehörte auch der väterliche Segen. Diesen Segen möchte der alt gewordene und erblindete Isaak seinem Sohn Esau zukommen lassen. Er schickt Esau auf die Jagd. Er soll ein Wildbret erlegen, es für den Vater zubereiten und nach dem Mahl den Segen empfangen.
Rebekka hat dieses Gespräch gehört und stiftet Jakob zum Betrug an. Er soll sich für Esau ausgeben, um den Segen zu erhalten. Der Braten, wie ihn Isaak liebt, wird sogleich zubereitet. Jakob zieht das Festgewand Esaus an und bedeckt seine glatte Haut mit dem Fell der Tiere. Der erblindete Vater ist sich unsicher, ob er Esau vor sich hat. Er betastet den Betrüger, fühlt die raue Haut, spürt Esaus Geruch und sieht seine Zweifel ausgeräumt. Erst jetzt segnet er ihn.
Als Esau heimkehrt, wird der Betrug offenbar. Der Segen kann nur einmal ausgesprochen werden. Esaus Ärger ist so groß, dass Jakob mit Hilfe seiner Mutter entflieht. In der Heimat Rebekkas soll er sich eine Frau suchen. Nach vielen Jahren kehrt Jakob zurück und sein Bruder vergibt ihm. Esau gilt als Stammvater der Edomiter und Jakob als Stammvater Israels.

Das wohlfeile Mittagessen

Die dritte Erzählung ist eine Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel (1760 – 1826). Mit diesen Geschichten wollte Hebel erzieherisch wirken.
Ein gut gekleideter Herr kommt in ein Gasthaus und verlangt eine gute Fleischsuppe für sein Geld, auch noch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüse für sein Geld. Der Wirt schlägt noch ein Glas Wein vor. Auch das nimmt der Gast für sein Geld an. Nachdem er gegessen hat, zieht er eine Münze aus der Tasche. Der Wirt hat jedoch einen Taler zu fordern. Doch der Gast verweist darauf, dass er stets für sein Geld bestellt habe und nicht für einen Taler und mehr habe er nicht.

Die Lehre

Johann P. Hebel beginnt die Geschichte mit dem Sprichwort: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. – Doch der Löwenwirt, bei dem der Gast einkehrt war, war schon vorher darin.“ Nachdem er erfahren hat, dass er hereingelegt wurde, bietet er dem Gast noch eine Belohnung, wenn er seinen Streich noch einmal spielt und zwar beim Bärenwirt gegenüber. Der Gast nimmt das Geld und bekennt unter der Türe, dass der Löwenwirt ihn geschickt habe. Deshalb war der Löwenwirt schon vorher drinnen.
Die beiden Gastwirte, die sich nicht wohlgesonnen waren, sind nun beide hereingelegt worden.
Den Vorteil hat der Gast, der mit seiner List beide betrogen und dazu noch einen Geldbetrag erhalten hat.
Hebel führt in seiner pädagogischen Intention an, dass beide Wirte sich versöhnen müssten. Wenn sie eine Lehre daraus ziehen würden, dann könnten sie dem Gast dankbar sein. „Denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt.“

Wenzel Strapinskis Festmahl

Gottfried Keller (1819 – 1890) schrieb die Novelle „Kleider machen Leute“. In dieser Novelle gibt es eine äußerlich ähnliche Szene zu Hebels Erzählung. Wenzel Strapinski, der arme Schneider im schönen Gewand, wird von einer Kutsche in Goldach vor dem Gasthaus zur Waage abgesetzt. Er gelangt unversehens hinein und wird dort als Graf Strapinski geradezu fürstlich bewirtet.
Anfangs will er entfliehen, aber die köstlichen Speisen und Getränke und sein hungriger Magen lähmen geradezu seinen Widerstand. Je mehr aufgetischt wird, desto mehr verliert er seine Hemmungen und spielt mit. Der Wirt und die Köchin improvisieren in der Küche, damit sie schnell die Köstlichkeiten herbeibringen können. Sie beobachten den Gast beim Essen, bewundern seine Manieren, die manchmal nur Ungeschicklichkeit sind. Der Wirt redet ihm gut zu und setzt ihm seine besten Getränke vor. Er betrachtet es als Ehre, dass dieser adlige Gast sein Gasthaus gewählt hat. Vor allem hebt er sich damit von den Gastwirten aus Seldwyla ab.

Betrüger wider Willen

Wenzel Strapinski hat den Betrug nicht beabsichtigt. Seine Kleidung trägt dazu bei, dass er als Graf angesehen wird. Die vornehme Kutsche hat ihn zufällig mitgenommen und der Kutscher spricht von einem Grafen - als ob er sich einen Scherz erlauben wollte.
Der Waage-Wirt scheint in seiner Beflissenheit geradezu einen Grafen erwartet zu haben. Wenzel lässt sich in das Spiel hineinziehen. Den geradezu märchenhaften Verlockungen kann er nicht widerstehen. Das fürstliche Mahl lähmt seinen Widerstand, es lässt alle Hemmungen schwinden. Was er an Köstlichkeiten verzehrt hat, kann ihm niemand nehmen. Zum Schluss heiratet er Nettchen, die Tochter des Amtsrates, und bringt es als tüchtiger Tuchherr zu Ansehen und Wohlstand.

Schluss

Wer großen Hunger hat, denkt nicht viel nach, er will etwas zu essen. Hunger, das Grundbedürfnis des Menschen, steht im Vordergrund. Esau dürfte das Linsengericht mit solchem Heißhunger verzehrt haben.
Doch Mahlzeiten werden auch an feierliche Anlässe geknüpft. Der schon alte und blinde Isaak hat sich das Mahl gewünscht. Er verknüpft es mit dem Segen, den er spenden möchte. Zu Feierlichkeiten gehören festliche Mahlzeiten.
In der Kalendergeschichte liegt eine betrügerische Absicht. Der Fremde bestellt für sein weniges Geld eine Mahlzeit, die er nicht bezahlen kann. Er will den Wirt hereinlegen. Diesen Trick wendet er schon zum zweiten Mal an. Die Mahlzeit wird reichlicher, weil der Wirt noch mehr bieten möchte.
Wenzel Strapinskis festliches Mahl wird ausführlich beschrieben, ein erlesenes Mahl mit Suppe, Forelle, Pastete und erlesenen Getränken. Der Gast ist zwar hungrig, aber er bemüht sich nicht um Bewirtung, sie widerfährt ihm gewissermaßen auf Grund des Missverständnisses. Der Genuss der Köstlichkeiten trägt dazu bei, dass er nichts tut, um den Irrtum aufzuklären.

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