Völkerverständigung durch europäische Projektarbeit – Vision oder Wirklichkeit?

von Hanns Hanagarth

Wir schreiben das Jahr 2024. Ich bekomme zu meinem 80.sten Geburtstag die üblichen Glückwünsche von Familienangehörigen, Freunden, Bekannten....... übliche?    Ist es „üblich“, Geburtstagswünsche von Fernanda aus Rom, von Antonio aus Madrid, von Eusebiusz aus Lodz, von Nuria aus Alicante, von Vlasta aus Prag, von Lajos aus Budapest, von Tanya aus Sofia, von Milena aus Ruse..... zu erhalten? Es ist der Ausdruck von Freundschaft, die sich im Laufe der mehr als zwanzig Jahre Mitarbeit in verschiedenen Projekten des Arbeitskreises (AK) Europa am ZAWiW der Universität Ulm entwickelt hat.

Ich glaube, dass das keine reine Fiktion oder Zukunftsvision ist. Es ist ein Teil dessen, was sich schon heute aus vielen Projekten mit europäischen Senioren entwickelt hat.

Persönliche Motivation

Seit Beginn meiner Aktivität im Arbeitskreis „Europakontakte“ am ZAWiW vor immerhin schon 13 Jahren im Jahr 2002 habe ich mich immer wieder gefragt: Warum mache ich das? Was habe ich persönlich davon?

Meine Antwort darauf ist: Neugier und Interesse. Immer wieder einmal aus dem gewöhnlichen Umfeld austreten und sich für andere, insbesondere ältere Menschen aus anderen europäischen Ländern interessieren, seit 2008 besonders für die Situation der Menschen in Südosteuropa. Wie unsere „neuen Nachbarn“ in der EU mit den besonderen Herausforderungen, die sich ihnen stellen, fertig werden. Den Austausch mit ihnen aber auch als Herausforderung für uns Mitglieder im Arbeitskreis erleben.

Sprachprobleme überwinden

Wie gehen wir beispielsweise die neu hinzu gekommenen Sprachprobleme an? Den meisten von uns gelingt es ganz gut, sich auf Französisch, Italienisch, Spanisch oder Englisch zu verständigen. Aber wie ist es mit Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch, Kroatisch, Serbisch, Ungarisch? In einer schönen europäischen Grundtvig-Lernpartnerschaft - nämlich ODE (Open Doors for Europe) - haben wir uns mit nonverbaler Kommunikation befasst. Das hat gute Ergebnisse und spannende Lösungen gebracht. Aber die schönste und für uns beschämende Erfahrung war, dass einige polnische Senior/-innen innerhalb eines Jahres so gut Deutsch  lernten, dass sie problemlos mit uns reden konnten. Umgekehrt war das nicht der Fall. Das ist überhaupt eine meiner Beobachtungen: dass viele der Projektteilnehmer/-innen aus Osteuropa sich sehr in der europäischen Projektarbeit engagieren. Vielleicht sich stärker einbringen als wir. Wenn es so wäre: Warum ist das so? Liegt das an uns? An einem Riesen-Bildungsangebot, aus dem wir uns bedienen können ohne Anstrengung?

Neue Engagementfelder im dritten Lebensalter

Interesse an der Diskussion auch solcher Fragen, das ist es, was die Zusammenarbeit von Senior/-innen unterschiedlicher Länder im gemeinsamen Europa für mich bedeutet Es heißt auch, meine bzw. unsere Erfahrungen aus langjähriger Projektarbeit weiterzugeben, den Senior/-innen aus den neu in die EU hinzu gekommenen Ländern durch den Gedankenaustausch mit uns zur Erkenntnis zu verhelfen, dass sie in ihren Ländern in eine neue gesellschaftliche Rolle und in neue Funktionen ehrenamtlicher Tätigkeit hineinwachsen können. Um damit ihrem Leben eine ganz neue Qualität zu geben. Gerade das „Ehrenamt“ ist ein Thema gewesen, das wir zwei Jahre nach Ende des Projekts „TownStories“ als „privates“ Nachfolgeprojekt übers Internet selbst organisiert und selbst gesteuert aufgegriffen und diskutiert haben. Wir, das waren einige Teilnehmer/-innen der Gruppen aus Rom und Ulm, die sich dadurch persönlich besser kennen lernten. Auch das waren eine schöne Erfahrung und ein Gewinn für alle.

Neue Nachbarn entlang der Donau kennen lernen

In der europäischen Lernpartnerschaft „Danube-Networkers“ haben wir neue Freundschaften geschlossen mit Senior/-innen aus den anderen Donauländern, die uns bis dahin weitgehend unbekannt waren. Wir haben dabei in diesem und in Folgeprojekten neues Wissen in vielfältiger Weise erworben, unsere Fremdsprachenkenntnisse und unsere non-verbalen Kommunikationsfähigkeiten erweitert, historische, geographische und kulturelle Fakten der beteiligten Donauländer kennen gelernt und neue Methoden der Textdarstellung und  -erarbeitung erprobt. Die Arbeit in unseren Gruppen vor Ort zu dem gemeinsamen Thema, die Präsentation der Ergebnisse auf der Projektwebsite, vor allem aber die transnationalen Partnerschaftstreffen waren nicht nur inhaltlich interessant, sie haben uns auch die Möglichkeit gegeben, uns und unsere Lebenssituationen gegenseitig besser kennen zu lernen, Vorbehalte abzubauen und  viele Gemeinsamkeiten zu finden. Somit leisten wir meiner Meinung nach im besten Sinne einen - unseren eigenen und speziellen - Beitrag zum Zusammenwachsen des Donauraumes und der Verständigung der in ihm lebenden Völker.

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