Feindliche Nachbarn: Germanen und Römer - die Varusschlacht gegen die Römer.

von Ute Lenke

Um die Zeitenwende herum sah man in Rom die römische Herrschaft in Germanien als gesichert an: die Aufstände wurden seltener, die eroberten Provinzen waren römisch „zivilisiert“, viele Germanen besaßen römisches Bürgerecht und dienten als Offiziere im römischen Heer. Trotzdem kam es 9 n.Chr. zur „Varusschlacht“ zwischen Römern und Germanen.

Die Römer in Germanien

Das römische Reich war zur Zeit von Kaiser Augustus( 63 v. – 14 n.Chr.) zu einer Weltmacht angewachsen. Schon seit der Regierungszeit Caesars dehnten die Römer ihr Herrschaftsgebiet auch nach Norden und Nordwesten aus; Nordafrika und die Balkanländer gehörten schon zum römischen Reich, Gallien, Germanien und die britischen Inseln sollten bald ebenso dazugehören.
Selbst in den fernsten römischen Provinzen lebte man wie in Rom: die Römer kannten bereits die Ziegelbauweise, wohnten in mehrstöckigen Wohnhäusern mit Wasserleitung und Fußbodenheizung; sie hatten Abwasserkanäle, feste Straßen und Brücken; selbst im rauen römischen Germanien brauchten sie auf kaum eine Annehmlichkeit ihrer südlichen Heimat  zu verzichten.
Seit 7 n.Chr. gab es für die germanischen Provinzen, im Wesentlichen die Gebiete südlich der Mainlinie und linksrheinisch mit dem Stützpunkt Xanten, einen „richtigen“ römischen Statthalter: Publius Quintus Varus. Er war ein verdienter Jurist und Verwalter, aber kein Feldherr,  der römisches Recht und – weniger beliebt – römisches Steuerwesen einführte.

Die Germanen

Dagegen lebten die germanischen Stämme  in dorfähnlichen Siedlungen, die aus verstreut liegenden, einzelnen Gehöften bestanden. Zu einem germanischen Hof gehörte ein Wohnstallhaus aus Lehm und Fachwerk mit langrechteckigen Grundriss, in dem Mensch und Tier in abgetrennten Bereichen untergebracht waren, dazu Speicher und Nebengebäude, das bewirtschaftete Weide- und Ackerland befand sich ganz in der Nähe.

 „Die“ Germanen gab es eigentlich gar nicht: es gab nur verschiedene, untereinander zerstrittene Volksstämme, einzelne kleinere oder größere Gruppen, die rechtsrheinisch zwischen Nordsee und Böhmen lebten. Zwischen den Stämmen entstanden immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen und oft auch Angriffe gegen die Römer. Die Römer fürchteten diese Übergriffe, es waren partisanenartige und meist recht erfolgreiche Raubzüge, denen die Römer mit ihrer hochgerüsteten, aber schwerfälligen Armee wenig entgegenzusetzen hatten.
Einige Stämme waren jedoch den Römern durchaus freundlich gesonnen, wie zum Beispiel die Cherusker, deren Fürst  Segimer seinen Sohn Arminius in Rom erziehen und ausbilden ließ. Arminius hatte es zum Oberbefehlshaber der germanischen Hilfstruppen gebracht, die als so zuverlässig galten, dass sie nicht nur in Germanien, sondern sogar als Leibwache von Kaiser Augustus eingesetzt waren.

Die Schlacht

Im Herbst des  Jahres 9 n. Chr. war Varus nach einer seiner „Dienstreisen“  ins rechtsrheinische Germanien und wie er glaubte erfolgreichen Befriedungsaktion auf dem Rückweg ins komfortable linksrheinische Winterquartier. Da warnte ihn ein befreundeter Cherusker, Segestes, vor einem Attentat: Arminius plane einen Aufstand gegen die Römer. Varus konnte nicht glauben, was man ihm berichtete: Arminius war in Rom erzogen und aufgewachsen, römischer Bürger, römischer Offizier, sogar in den Ritterstand erhoben worden. Beide kannten sich seit langem und gelegentlich speisten sie zusammen. Nie war etwas Negatives über Arminius zu hören gewesen. Varus hielt die Warnung für Verleumdung.

Der erste Tag

Dann erreichte ihn während des Rückmarsches eine Nachricht, dass unweit vom Reiseweg ein befreundeter Germanenstamm wieder einmal durch andere Germanen in Bedrängnis geraten war und um seine Hilfe bat. Trotz der Warnung nahm Varus den kleinen Umweg in Kauf, obwohl er damit mit seinem gesamten Heer die ihm bekannten und gut gesicherten römischen Verkehrswege verlassen musste.  Plötzlich griffen Germanen aus dem Unterholz an, das Gelände war schwierig und den Römern unbekannt, Gegenwehr nicht möglich. Die Römer mussten große Verluste hinnehmen, und um beweglicher zu sein, verbrannten sie einen Teil ihrer Ausrüstung.  Am zweiten Tag brachten die ständigen Attacken der Germanen,  Dauerregen, Sturm, mooriges Gelände und Sümpfe den ohnehin schon geschwächten Römern noch größere Verluste.

Die Entscheidung

Die Entscheidung fiel  am dritten Tag. Die Römer waren in einem desolaten Zustand, durchnässt, verletzt, die Schilde, aus Leder hergestellt und schon in trockenem Zustand schwer, waren von Wasser vollgesogen und kaum noch zu gebrauchen. Den Germanen mit ihrer leichten Bewaffnung und ihrer Geländekenntnis fiel es leicht, die letzten Römer zu überwältigen und zu töten. Varus beging Selbstmord. Unter den wenigen Überlebenden richteten die Germanen ein furchtbares Gemetzel an. Insgesamt waren drei Legionen, drei Alen Reiterei und sechs Kohorten sowie der Tross mit Marketendern, Ärzten,  Sklaven, Frauen und Kindern vernichtet, man kann von einer Gesamtzahl von ca. 20000Toten ausgehen.

Arminius

Und Arminius? Wo blieb er? Seine Rolle ist bis heute ungeklärt: als Oberbefehlshaber der germanischen Hilfstruppen im römischen Heer  hatte er sich zu Beginn der Schlacht von Varus verabschiedet um Hilfe zu holen. Aber seine Hilfstruppen wechselten während der Schlacht die Seite und kämpften gegen die Römer, die nun von außen und von innen angegriffen wurden. Die Motive für den Aufstand sind ebenfalls ungeklärt: germanische Schriftkultur gab es nicht und die römischen Quellen berichten natürlich nur über das Schicksal der Römer. Nutzte Arminius  das Murren der Anti-Rom-Germanen über die hohen Tributforderungen Roms, die Varus durchsetzen wollte,  um sich selbst als Fürst an die Spitze von Cheruskern und Chatten zu setzen? Oder wollte er  aus Feindschaft gegen alles Römische ein Germanentum verteidigen? Darüber streiten die Wissenschaftler auch heute noch.

Ein Nachbarschaftsstreit?

Vielleicht spielt auch ein anderer Nachbarschaftsstreit eine Rolle, der so gut zu unserem Thema passt, dass er erwähnt werden soll: Arminius wollte die Tochter eines anderen Cheruskerfüsten, Segestes, (wir erinnern uns: er hatte Varus vor Arminius gewarnt) heiraten; der Vater war jedoch gegen diese Verbindung, worauf Arminius seine Thusnelda kurzerhand entführte. Allerdings war dieser Verbindung kein langes Glück beschieden: bei einer späteren Schlacht zwischen Arminius und Germanicus fiel die hochschwangere Thusnelda den Römern in die Hände, genauer gesagt: sie wurde von ihrem romfreundlichen Vater den Römern ausgeliefert und  als Geisel nach Italien gebracht, wo sie in Ravenna einen Sohn gebar.

Die Folgen der Varusschlacht

Die Germanen sandten den abgeschlagenen Kopf des Varus nach Rom; Augustus bereitete ein Staatsbegräbnis und soll verzweifelt gesagt haben: Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder. Die Legionsnummern der drei vernichteten Legionen – 17,18, 19 – wurden nie wieder vergeben, die germanische Leibwache abgeschafft.  Augustus Nachfolger Germanicus unternahm noch einige weitere Versuche, Germanien zu erobern; schließlich (16 n.Ch.)wurde die Germanenpolitik aufgegeben, denn die Kosten und Verluste überstiegen bei weitem den erwarteten Nutzen.
Der Limes und der Rhein blieben die Grenzen des römischen Germanien, in dem  Gallier, Germanenstämme  und Römer als friedliche Nachbarn zusammen lebten; die weiter im Norden und Osten lebenden Stämme und die Römer blieben feindliche Nachbarn.

Arminius fiel im Jahre 21 n.Chr. selbst einem Verrat zum Opfer. Aber trotz seiner zweifelhaften Verdienste und der bis heute ungeklärten Rolle, die er in den Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Römern und Germanen gespielt hatte, galt er lange Zeit als Gründer  Deutschlands. Ihm zu Ehren erbaute man im 19. Jahrhundert am Ort der vermeintlichen Schlacht – dem Teutoburger Wald -  ein pompöses Denkmal.

Die Varusschlacht aus heutiger Sicht.

Museumsgelände Kalkriese (Foto:Autorin)

Heute gilt als mögliches Schlachtfeld die Gegend um Kalkriese bei Osnabrück. Zahlreiche Funde belegen, dass hier zumindest eine große Schlacht stattgefunden haben muss. Münzfunde ergeben ein genaueres Datum für die Jahre 7 bis 9 n. Chr. Knochengruben und über weites Gelände verstreute Knochen- und andere Funde und deren anthropologische und archäologische Bestimmung sprechen zur Zeit für Kalkriese als Ort der Varusschlacht.
Seit dem Jahre 2000 gibt es „Park und Museum Kalkriese“: hier werden alle bis jetzt geborgenen Fundstücke gezeigt; das Gelände wird so aufbereitet, wie es vermutlich zur Zeit der Schlacht ausgesehen hat; Wallanlagen, Skelettgruben, Bohlenwege wurden restauriert und sollen den Schlachtverlauf verdeutlichen.

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