Nachbarschaft aus der Retorte

von Ute Lenke

Wie lebt es sich in einer Stadt, die vor über 40 Jahren auf dem Reißbrett geplant  und als „Traumstadt“ für 50 000 Einwohner auf der grünen Wiese erbaut wurde?

Neue Nachbarn

Als wir vor 20 Jahren in die „Neue Stadt Wulfen“ zogen, war die Stadt nicht mehr neu, sondern schon etwas in die Jahre gekommen; sie war als Ortsteil Barkenberg genau wie auch der Ort Alt-Wulfen in die Stadt Dorsten eingemeindet. Es gab Kindergärten, Schulen, Ärzte, Apotheken, gute Verkehrsanbindung, Einkaufszentren; die Einwohner kannten sich zum großen Teil noch aus den Pioniertagen der Siedlung und pflegten gute Nachbarschaft, in die auch die Zugezogenen  schnell integriert waren. Den „Neuen“ wie uns erzählen die Nachbarn gern, wie alles einmal angefangen hat.

Die Planung

Schon vor und während des 2.Weltkrieges hatte sich der Ruhrbergbau nach Norden ausgedehnt. Straßen und Eisenbahnlinien waren entstanden und boten der nach dem Krieg immer stärker wachsenden Industrie die nötigen Verkehrswege. Neue Schachtanlagen und Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie zogen immer mehr Menschen ins Ruhrgebiet. Für sie und die vielen Flüchtlinge wurde dringend Wohnraum benötigt. So entstand  Ende der 50er Jahre der Gedanke an die Gründung einer neuen Stadt am Nordrand des Ruhrgebietes. Sie sollte einerseits eine neue Heimat für die zahlreichen Neubürger, aber auch ein Bindeglied zu der ortsansässigen Bevölkerung werden. Wegen der günstigen Lage zwischen dem Erholungsgebiet „Hohe Mark“ im Norden, den schon vorhandenen Verkehrswegen B 58, Lippe und Wesel-Datteln-Kanal sowie der Nähe zu den benachbarten Industriestandorten Marl und Dorsten sollte die neue Stadt in Wulfen entstehen.
Ein internationaler Wettbewerb wurde ausgeschrieben; die Auflagen für die Stadtplaner waren hoch, denn die Fehler anderer Satellitenstädte wollte man vermeiden.

Die Gründung

1967 war es soweit: mitten im Heideland entstanden die ersten Häuser, als erstes die „Blaue Schule“, deren Hausmeisterehepaar die ersten Bewohner der „Neuen Stadt Wulfen“ waren. Musterwohnungen und Musterhäuser wurden gebaut; obwohl noch keine Stadtanlage zu erkennen war und alle Häuser anscheinend planlos irgendwo im Sand errichtet waren, kamen Interessenten in Scharen zur Besichtigung. Straßen, Wege, Kindergarten, Supermarkt wurden nach und nach gebaut, der Ort wurde von den Neubürgern angenommen und allmählich mit Leben erfüllt. Da hier alle Bewohner neu zugezogen und unbekannt sind, haben alle den Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach sozialen Kontakten und gegenseitiger Hilfe. So rückte man zusammen, half sich und es entstand eine Dorfgemeinschaft.

Die Vorzüge

Gesamtschule und Bibliothek, Foto UL

Anders als bei historisch gewachsenen Städten konnte hier von Anfang an weiträumig geplant und gebaut werden – Platz war ja genug da, die Grundstückspreise waren niedrig. Den in den 70er Jahren vielerorts üblichen Wald von Dachantennen für Radio und Fernsehen gab es nicht: der Ort war an ein Kabelnetz angeschlossen. Auch Schornsteine fehlten: die Bewohner waren verpflichtet, ihre Wohnungen über Nachtstrom zu beheizen (heute ein Ärgernis für die Barkenberger). Aufgrund der öffentlichen Förderung wurde der Stadtteil mit Vielem ausgestattet, was es in gleich oder ähnlich großen Orten nicht gibt: ein Gemeinschaftshaus für soziale und kulturelle Veranstaltungen, ein Schwimmbad, eine Gesamtschule einschließlich Sekundarstufe II mit öffentlicher Bibliothek, eine Bezirkssportanlage für zahlreiche Sportvereine, Kirchen, Kindergärten, Grundschulen.

Verkehr und Grün

Moderner Wohnbau, Finn-Siedlung (UL)

Das Besondere dieser Stadtgründung aber war und ist bis heute die strikte Trennung der Wohngebiete vom Fahrverkehr.
Großzügige Grün- und Freiflächen trennen einzelne Wohngebiete vom Autoverkehr.  Von einem äußeren Ring führen Stichstraßen zu Garagen- und Parkplatzzufahrten. Die Wohngebiete sind nur über Fuß- und Fahrradwege  verbunden. Von den Pioniertagen schwärmen unsere Nachbarn noch heute: sie waren fast alle im gleichen Alter, hatten Kinder, die gemeinsam zur Schule gehen konnten (gehen!), und in der Freizeit spielten Väter und Kinder auf den Freiflächen vor ihren Häusern Fußball. Man unternahm gemeinsame Radtouren in die Umgebung, feierte und trauerte zusammen. Man genoss die Annehmlichkeiten dieser modernen Siedlung und war stolz auf die neue Heimat.

Heute

Die Nachteile zeigen sich allerdings heute, 40 Jahre später: die Kinder sind erwachsen und in andere Städte gezogen; die meisten Bewohner  sind  über 70 Jahre, leben zum Teil bereits allein in ihren Häusern. Die für Kinder und Fußgänger gedachte Bebauung ist ein großes Hindernis für Krankenwagen, Feuerwehr und Pflegedienste, denn die Häuser sind ja nur zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet aber auch für die alternden Bewohner, dass sie Arztbesuche oder ihre Einkäufe nicht mehr mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigen können; man braucht das Auto und trägt seine Einkäufe vom Parkplatz nach Hause.

Veränderungen

Die einst so „saubere Beheizung“ durch Nachtstromheizung ist inzwischen ein teurer Luxus und wer kann, heizt zusätzlich mit einem Kamin. Statt der Dachantennen zieren Satellitenschüsseln Dächer oder Balkone. Schwimmbad und Bibliothek kämpfen ums Überleben und werden ehrenamtlich getragen, Grundschulen und Kindergärten müssen wegen Kindermangel schließen. Barkenberg genießt den Ruf einer „Schlafstadt“; das ist aber weniger den Mängeln der Stadtplanung anzukreiden, sondern liegt am Fehlen von Arbeitsplätzen und der Strukturschwäche des Ruhrgebiets.

Fehler

Ein besonderes Vorzeigeobjekt und der Stolz der Stadtplaner war die „Metastadt“, einst das Mekka jedes angehenden und aktiven Stadtplaners und Architekten: ein Hochhauskomplex mit 450 geplanten Wohnungen, die individuell gestaltet werden konnten, weil die Wände von den Bewohnern selbst verschoben und den sich ändernden Wünschen und Bedürfnissen von Familien angepasst werden konnten. Ladenzeile, Arztpraxen, Kindergarten waren in dem Gebäude integriert. Aber nur gut 100 Wohnungen wurden1973 schließlich gebaut und die Bewohner, anfangs zufrieden, zogen wieder aus. Der Komplex verwahrloste und musste 1986 „zurückgebaut“ werden – ein feines Wort für Abriss. Dieses Schicksal hat noch einige andere der einstigen Vorzeigeobjekte ereilt. Aber der Missgriff bei der Entwicklung der Metastadt führte zu einem verheerenden Imageverlust, der bis heute noch nicht ganz überwunden ist.
Auf dem Gelände der ehemaligen Metastadt entstand in den 90er Jahren ein Senioren- und Pflegeheim – eine sinnvolle Nutzung angesichts der älter werdenden „Ureinwohner“.

Seniorenheim "Am See" (UL)

Fazit

Trotz aller Fehler und Nachteile, die sich im Laufe der Jahre zeigten, ist das Wohnen in dieser Retortenstadt noch immer etwas Besonderes: man lebt mit fast städtischem Komfort und vielfältigsten Angeboten mitten im Grünen. Auch wenn die geplante Einwohnerzahl von ursprünglich 50000 nie erreicht wurde – es sind knapp 12000 – so macht die fast familiäre Beziehung zwischen den Nachbarn noch immer den Reiz dieser Wohngegend aus.

Bilder

Alle Fotos Eigentum der Autorin

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